Verantwortung braucht Mut

15.05.2026 | Standort

Warum erfahrene CEOs in der Mobilität jetzt die nächste Generation nach vorne holen müssen, erklärt Leadership-Experte Sascha Krammer in seinem Kommentar.

Die Mobilitätsbranche ist von Menschen geprägt, die seit Jahrzehnten Verantwortung tragen. Viele der heutigen C-Levels haben Deregulierung, EU-Binnenmarkt, Ausschreibungswellen, Privatisierungen und technische Sprünge miterlebt – und ihre Unternehmen stabil gehalten. Ohne diese Generation gäbe es manche Netze und Betriebe nicht. Doch genau dieser Erfolg birgt ein Risiko: Was lange funktioniert hat, schützt nicht automatisch vor dem, was kommt. Dekarbonisierung, Fachkräftemangel, neue Arbeitszeitmodelle, Digitalisierung von der Leitstelle bis zur Fahrgast-App, Druck durch Plattformanbieter – all das lässt sich nicht mehr allein mit Erfahrungswissen aus der Vergangenheit lösen.

Wer heute ein Mobilitätsunternehmen führt, trägt nicht nur Verantwortung für Kennzahlen und Infrastruktur, sondern auch für die Frage: Wie binde ich die Generation ein, die dieses Unternehmen in zehn, zwanzig Jahren tragen soll?

Zwischen Erfahrung und Veränderung

Junge Führungskräfte erleben wir oft als klar, schnell und lösungsorientiert – aber auch ungeduldig gegenüber alten Ritualen und Strukturen. Sie stellen Fragen, die unbequem sind: Warum machen wir das so? Wieso dauert das so lange? Weshalb reden wir mehr über Probleme als über Lösungen? Diese Fragen sind kein Angriff auf die Leistung der vergangenen Jahre, sondern ein Signal, dass Veränderung ernst genommen wird.

Hier entscheidet sich, ob Erfahrung zur Stärke oder zur Bremse wird. Erfahrene CEOs können die nächste Generation auf Distanz halten – oder sie bewusst mitnehmen und nachhaltig einbinden. Das beginnt nicht mit einem großen Reorganisationsprojekt, sondern im Alltag: junge Abteilungsleiter in strategische Runden holen, Nachwuchsführungskräften Projekte mit echter Ergebnisverantwortung übergeben, gemischte Teams aus „alten Hasen“ und jungen Talenten einsetzen, um Themen wie alternative Antriebe oder digitale Services voranzutreiben.

Führung neu denken

Führung heißt in dieser Phase weniger, jede Antwort selbst zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Neues ausprobiert werden darf – ohne dass es beim ersten Fehler unbequem wird. Wer Innovation will, muss akzeptieren, dass es Phasen der Unsicherheit gibt.

Für viele CEOs bedeutet das, die eigene Rolle neu zu definieren: vom Entscheider, der alles abzeichnet, zum Ermöglicher, der Talente sichtbar macht und unterstützt. Nicht jeder Vorschlag der jungen Generation wird tragfähig sein. Aber keiner von ihnen entsteht, wenn das Signal von oben lautet: „Wir wissen schon, wie das läuft.“

Mut zur Verantwortung heißt heute auch Mut zur Übergabe – schrittweise, strukturiert und begleitet. Wer als erfahrene Führungskraft seine Leute befähigt, Verantwortung zu übernehmen, investiert in die Zukunft des Unternehmens und in die Stabilität des Systems Mobilität.

Die Branche wird sich in den nächsten Jahren weiterhin tiefgreifend verändern. Ob diese Veränderung gelingt, entscheidet sich an der Spitze: dort, wo Erfahrung und frische Perspektiven nicht gegeneinander ausgespielt, sondern bewusst miteinander verbunden werden. Genau dort beginnt moderne Führung.

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