Foto: Port of Rotterdam
In den ersten sechs Monaten 2026 wurden in Rotterdam 212 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen. Das waren 0,4 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Hinter dem leichten Plus stehen allerdings deutlich gegenläufige Entwicklungen: Während flüssiges und trockenes Massengut zulegten, gingen die Mengen bei Containern und Stückgut zurück.
Vor allem die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten haben die Warenströme verändert. Die Sperrung der Straße von Hormus ließ die Preise für Rohöl und Mineralölprodukte steigen. Höhere Raffineriemargen veranlassten europäische Raffinerien dazu, mehr Rohöl einzuführen und zu verarbeiten.
Der Rohölumschlag in Rotterdam nahm dadurch um 1,6 Prozent zu. Bei Mineralölprodukten fiel das Wachstum mit 11,5 Prozent auf insgesamt 25 Millionen Tonnen deutlich stärker aus. Während die Einfuhren zurückgingen, stiegen die Exporte um 36 Prozent. Mehr Schweröl wurde nach Singapur verschifft, zusätzlich nahm die Nachfrage nach Gasöl in Spanien und Gibraltar zu.
„Obwohl die unmittelbaren Auswirkungen auf den Rotterdamer Hafen und den Umschlag im Hafen bislang begrenzt sind, haben höhere Energiepreise und zunehmende Unsicherheit die internationalen Märkte belastet“, sagt Boudewijn Siemons, CEO der Port of Rotterdam Authority.
Die Entwicklung zeige, wie abhängig Europa weiterhin von funktionierenden Energie- und Handelsrouten sei. „Diese Ereignisse unterstreichen die Bedeutung robuster Lieferketten und einer starken europäischen Energieinfrastruktur“, so Siemons.
Containerverkehr stagniert
Im Containersegment konnte Rotterdam das Wachstum der Importe aus Asien nicht in ein höheres Gesamtvolumen übersetzen. In TEU blieb der Umschlag mit einem Minus von 0,1 Prozent nahezu stabil. Nach Gewicht sank er jedoch um 2,6 Prozent auf 98,5 Millionen Tonnen.
Beladene Importcontainer aus Asien legten um acht Prozent zu, während die Ausfuhren beladener Container um ein Prozent zurückgingen. Dieses Ungleichgewicht erklärt, weshalb die Menge in Tonnen stärker sank als die Zahl der umgeschlagenen Boxen.
Zudem fehlten dem Hafen zeitweise Terminalkapazitäten. Während das Deepsea-Aufkommen um 5,2 Prozent stieg und auch die Verkehre mit Nordamerika deutlich zunahmen, brach der Transshipment-Umschlag um 20 Prozent ein. Container wurden damit seltener in Rotterdam zwischen verschiedenen Seeverbindungen umgeladen.
Ab Ende des Jahres sollen zusätzliche Kapazitäten an mehreren Terminals die Engpässe verringern. Damit hofft der Hafen, verlorenes Transshipment-Geschäft zurückzugewinnen und wieder stärker am Wachstum des internationalen Containerverkehrs teilzuhaben.
Europas Industrieschwäche bleibt spürbar
Die wirtschaftliche Lage der europäischen Industrie zeigt sich besonders deutlich beim konventionellen Stückgut. Der Umschlag dieses Segments sank um 9,5 Prozent. Weniger Ladung kam insbesondere aus dem Maschinenbau, der Automobilindustrie und dem Aluminiumsektor.
Auch die europäische Chemieindustrie bleibt ein Belastungsfaktor. Hohe Energiepreise, eine geringe Nachfrage und der internationale Wettbewerbsdruck haben die Produktion vieler Unternehmen gedrosselt. Entsprechend wurden weniger chemische Rohstoffe importiert und weniger Endprodukte exportiert.
Etwas besser entwickelte sich der RoRo-Verkehr, der um ein Prozent auf 13 Millionen Tonnen zunahm. Hier profitierte Rotterdam von einer höheren Nachfrage im Handel mit dem Vereinigten Königreich.
Beim trockenen Massengut sorgte vor allem Kohle für Wachstum. Der Umschlag stieg um 17,8 Prozent – allerdings teilweise im Vergleich mit einem außergewöhnlich niedrigen Vorjahreswert. Neben Kokskohle wurde auch mehr Energiekohle umgeschlagen, da die hohen Gaspreise die Nachfrage nach alternativen Energieträgern erhöhten.
Beim Eisenerz blieb die erwartete Erholung dagegen aus. Obwohl die deutsche Stahlproduktion zunahm, griffen Hersteller zunächst auf bestehende Lagerbestände zurück. Der Eisenerzumschlag lag deshalb 9,6 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Energiewende wird im Hafen sichtbar
Neben dem Tagesgeschäft treibt Rotterdam den Umbau seines Industrie- und Energiekomplexes voran. Ein wichtiger Schritt ist die Fertigstellung einer 32 Kilometer langen Wasserstoffleitung zwischen der Maasvlakte und Pernis. Sie soll künftig Produktionsanlagen auf der Maasvlakte mit industriellen Abnehmern verbinden.
Langfristig ist die Strecke Teil eines landesweiten Wasserstoffnetzes, das auch an Speicherstandorte sowie an Leitungsnetze in Deutschland und Belgien angeschlossen werden soll. Damit will Rotterdam seine Rolle als europäische Energiedrehscheibe auch in einer klimaneutralen Wirtschaft behaupten.
Fortschritte meldet der Hafen auch bei alternativen Schiffskraftstoffen. Im Mai wurde dort erstmals ein Seeschiff mit einer Mischung aus Ethanol und Methanol betankt. Gleichzeitig wird die Landstromversorgung ausgeweitet, um Emissionen und Lärm während der Liegezeiten zu reduzieren.
Die Projekte zeigen allerdings auch, wie stark die Transformation von politischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen abhängt. Netzengpässe, hohe Energiekosten und langwierige Genehmigungsverfahren bremsen nach Einschätzung der Hafenbehörde weiterhin private Investitionen.
Mehr Schutz für kritische Infrastruktur
Neben der Energieversorgung gewinnt die Sicherheit des Hafens an Bedeutung. Rotterdam will den zunehmenden Einsatz von Drohnen künftig stärker kontrollieren und hat deshalb die Einrichtung eines regulierten unteren Luftraums beantragt. Drohnen werden im Hafengebiet unter anderem für Inspektionen, Umweltmessungen und die Bewältigung von Zwischenfällen eingesetzt.
Auch die digitale Widerstandsfähigkeit wird ausgebaut. Die Cybersicherheitsplattform Ferm Zeehavens überwacht inzwischen Tausende internetfähige Systeme bei mehr als 15 kritischen Organisationen. Sicherheitslücken sollen dadurch erkannt werden, bevor sie für Angriffe genutzt werden können.
Der Handlungsdruck steigt: Ab dem 15. August 2026 gelten für zahlreiche Hafenunternehmen neue Registrierungs-, Vorsorge- und Meldepflichten. Sie gehen auf die Umsetzung der europäischen Vorgaben NIS2 und CER in niederländisches Recht zurück.
