„Nachhaltigkeit ist für uns kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis“, sagt Christian Hörner. (Foto: Rewe / Robert Harson)
Wie gelingt es Ihnen, in Spitzenzeiten stabile Lieferketten sicherzustellen?
Spitzenzeiten sind die Königsdisziplin der Logistik. Damit die Ware trotzdem pünktlich und in bester Qualität im Markt ankommt, müssen viele Zahnräder ineinandergreifen. Wir beginnen mit einer genauen Bedarfsprognose, die auf historischen Daten und aktuellen Trends basiert. Unsere Disposition arbeitet mit modernen Forecast-Systemen, die helfen, Mengen möglichst präzise zu planen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Spitzenglättung: Wir bitten die Märkte um frühzeitige Vorbestellungen, damit wir die Mengen besser steuern können. Gleichzeitig halten wir in unseren Lagern Sicherheitsbestände vor, um kurzfristige Schwankungen abzufangen. Und natürlich brauchen wir die volle Lieferfähigkeit unserer Produzentenbetriebe – ohne sie funktioniert das System nicht. Kurz gesagt: Es ist ein Zusammenspiel aus Planung, Kommunikation und Flexibilität.
Wo liegen die größten operativen Herausforderungen bei der Versorgung der Filialen im österreichischen Markt?
Die Anforderungen an die Frische sind enorm gestiegen. Obst, Gemüse, Fleisch – all das muss nicht nur schnell, sondern unter streng kontrollierten Temperaturbedingungen geliefert werden. Gleichzeitig wächst das Sortiment, was die Kommissionierung komplexer macht. Hinzu kommen externe Faktoren: Fachkräftemangel, steigende Kosten für Maut und Energie, und in Städten
erschweren Lieferrestriktionen die Versorgung. Wir müssen oft kreative Lösungen finden, um trotz Lärmauflagen oder Zeitfenstern die Märkte zuverlässig zu beliefern.
Wie wirkt sich die Rezession auf Ihre Logistikplanung und Investitionsentscheidungen aus?
Das ist spannend, denn im Lebensmitteleinzelhandel bedeutet eine Rezession nicht automatisch weniger Volumen. Die Menschen kaufen weiterhin Lebensmittel, achten aber stärker auf den Preis. Wir sehen eine Verschiebung hin zu Preiseinstiegsmarken und mehr Aktionsware. Das kann sogar zu höheren Mengen führen.
Investitionen werden deshalb nicht gestoppt, sondern noch genauer geprüft. Wir setzen auf Projekte, die langfristig Kosten senken und die Effizienz steigern. Automatisierung und Digitalisierung sind hier die zentralen Hebel. Jede Investition muss sich rechnen, aber wir wissen: Ohne moderne Logistik können wir die Anforderungen der Zukunft nicht erfüllen.
Spüren Sie derzeit einen veränderten Bestell- oder Lieferrhythmus in den Märkten, und wie reagieren Sie darauf?
Ja, ganz klar. Wir beobachten seit einigen Jahren deutlich höhere Spitzen. Die Ursachen sind vielfältig: verändertes Kaufverhalten, weniger Sicherheitsbestände in den Märkten, eine größere Artikelanzahl und damit weniger Zwischenlagerfläche. Um diese Schwankungen abzufedern, setzen wir auf Zuteilungen und nutzen Prognosesysteme, die kontinuierlich dazulernen. Dadurch werden unsere Forecasts immer präziser, und wir können die Warendisposition besser steuern.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der täglichen Logistikpraxis?
Nachhaltigkeit ist für uns kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis. Wir setzen auf alternative Antriebe, vor allem Elektro-Lkw im urbanen Raum, und optimieren unsere Touren, um Leerfahrten zu vermeiden. Auch die Reduktion von Verpackungsmaterialien und der Einsatz von Mehrwegbehältern sind wichtige Schritte. KI wird uns dabei helfen, die Effizienz weiter zu steigern – sei es bei der Routenplanung oder der Auslastung der Fahrzeuge.
Welche Schwerpunkte setzen Sie in den Bereichen Automatisierung, Digitalisierung und Datenmanagement?
Wir automatisieren vor allem Prozesse in der Kommissionierung und Lagertechnik, um Geschwindigkeit und Genauigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig digitalisieren wir die Steuerung und Tourenplanung, damit wir in Echtzeit reagieren können. Daten sind dabei die Basis: Wir nutzen sie, um Prognosen zu verbessern und die gesamte Supply Chain transparenter und effizienter zu machen.
Verändert KI Ihre Planungs- und Steuerungsprozesse bereits heute?
Ja, und das ist erst der Anfang. Mit unserer neuen Bestellapplikation DiVO nutzen wir KI-basierte Prognosen und Bestellvorschläge. Diese Systeme lernen ständig dazu und werden immer präziser. Das Ziel ist, Sicherheitsbestände zu reduzieren und gleichzeitig die Lieferqualität zu erhöhen – sowohl von den Produzentenbetrieben ins Lager als auch vom Lager in die Märkte.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Speditionspartnern?
Wir setzen auf langfristige Partnerschaften und gemeinsame Strategien. Zusammen mit unseren Speditionspartnern entwickeln wir Lösungen, die sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch sinnvoll sind – von alternativen Antrieben bis hin zu digitaler Tourenoptimierung. Das funktioniert nur, wenn beide Seiten an einem Strang ziehen.
Welche Rolle spielt die Mitarbeiterqualifikation in dieser zunehmend datengetriebenen Logistik?
Eine sehr große. Die Digitalisierung verändert die Anforderungen an die Teams. Wir investieren in Schulungen, fördern Talente und schaffen Rahmenbedingungen, die eine langfristige Zusammenarbeit ermöglichen. Unser Ziel ist, die Stärken der Mitarbeitenden zu nutzen und sie fit für die Zukunft zu machen.
Wenn Sie auf die kommenden fünf Jahre blicken, was wird die größte Veränderung für die Handelslogistik sein?
Die Handelslogistik wird sich massiv verändern. Automatisierung und KI werden Standard sein, Nachhaltigkeit wird nicht mehr diskutiert, sondern gelebt. Wir erwarten CO₂-neutrale Transportlösungen und hochflexible Lieferketten. Wer schnell auf Marktveränderungen reagieren kann, wird den entscheidenden Wettbewerbsvorteil haben.
