„Am stärksten unter Druck stehen die Auftraggeber“

28.08.2026 | Straße

Gunnar Gburek, Unternehmenssprecher und Head of Business Affairs bei TIMOCOM, spricht mit Verkehr über steigenden Preisdruck und die wachsende Bedeutung von Planbarkeit.

Wie ordnen Sie die aktuelle Stimmung im Transportmarkt ein?

Das kommt ganz darauf an, wie planbar das eigene Geschäft ist. Unternehmen mit langfristigen Kundenbeziehungen und stabilen Transportströmen kommen derzeit besser durch die insgesamt angespannte Wirtschaftslage als diejenigen, die kurzfristig Kapazitäten beschaffen oder anbieten müssen. Das zeigt auch unsere jüngste Befragung unter Logistikunternehmen.

Ist der Markt derzeit eher von Kapazitätsmangel oder von Preisdruck geprägt?

Das eine ist die Folge des anderen. In den vergangenen Jahren wurden europaweit Transportkapazitäten abgebaut, unter anderem wegen gestiegener Kosten für Diesel, Maut und Personal, aber auch aufgrund des anhaltenden Fahrermangels und der wirtschaftlichen Unsicherheit. 

Aktuell zieht die Nachfrage wieder an. Unser Transportbarometer zeigt, dass europaweit deutlich mehr Frachten eingestellt werden, während die Zahl der verfügbaren Lkw weiter zurückgeht. Es herrscht zwar kein flächendeckender Kapazitätsmangel, aber Frachtraum steht eben nicht immer zum gewünschten Zeitpunkt oder zum kalkulierten Preis zur Verfügung. Das sorgt zwangsläufig für steigenden Preisdruck.

Wer steht aktuell am stärksten unter Druck?

Am stärksten unter Druck stehen derzeit die Auftraggeber, also Verlader und Speditionen. Sie müssen Transportkapazitäten sichern und gleichzeitig steigende Kosten in ihre Kalkulation einbeziehen. Frachtführer befinden sich in einer anderen Situation. Sie müssen eine strategische Entscheidung treffen: Setzen sie auf langfristige Verträge mit hoher Auslastung und Planungssicherheit oder nutzen sie die aktuell hohen Raten auf dem Spotmarkt? Beides kann wirtschaftlich sinnvoll sein. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen Sicherheit und Ertragsoptimierung zu finden.

Was bedeutet die aktuelle Lage für Margen und Planbarkeit?

Planbarkeit entwickelt sich zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Auftraggeber müssen akzeptieren, dass Transportkapazitäten sowohl auf dem Spotmarkt als auch im Kontraktgeschäft teurer werden. Man kann es einer traditionell sehr margenschwachen Branche wie dem Straßengüterverkehr nicht verübeln, wenn sie versuchen, in für sie besseren Zeiten etwas mehr vom Kuchen abzubekommen. 

Welche Strategien funktionieren in diesem Umfeld noch, welche nicht mehr?

Der vollständig spontane Einkauf von Transportkapazitäten funktioniert immer seltener. Wer heute kurzfristig stark schwankende Bedarfe hat, stößt schneller an Grenzen als früher. Erfolgreicher sind Unternehmen, die ihren Transportbedarf frühzeitig transparent machen und ihren Partnern eine gewisse Planung ermöglichen. Das müssen nicht immer verbindliche Aufträge sein. Schon belastbare Bedarfsprognosen helfen dabei, Kapazitäten besser vorzubereiten. Genau darin liegt künftig auch ein großer Hebel für die Digitalisierung: Je früher Informationen verfügbar sind, desto effizienter lassen sich auch mithilfe von künstlicher Intelligenz Transporte planen und vorhandene Kapazitäten nutzen.

Wie stark ist Cybersicherheit inzwischen ein Geschäftsthema für die Branche?

Cybersicherheit ist ein wirtschaftlicher Faktor geworden. Logistikunternehmen investieren heute erheblich in Schulungen, Sicherheitsprozesse und technische Schutzmaßnahmen. Diese Investitionen schaffen keinen unmittelbaren Mehrwert im operativen Geschäft, sind aber notwendig, um Geschäftsbeziehungen abzusichern. Gleichzeitig stehen seriöse Frachtführer häufig unter einem Generalverdacht, wenn über Identitätsdiebstahl oder Phantomfrachtführer berichtet wird. 

Welche Risiken sehen Sie für digitale Plattformen und Frachtenbörsen konkret?

Das größte Risiko ist Vertrauensverlust. Deshalb reicht es nicht aus, wenn digitale Marktplätze auf technische Schutzmechanismen allein setzen. Genauso wichtig sind Prävention, Aufklärung, ein kontinuierlicher Informationsaustausch und verantwortungsvolles Handeln der Nutzer. Sicherheit entsteht immer aus dem Zusammenspiel technischer Lösungen und menschlicher Aufmerksamkeit. 

Wie verändert KI die Rolle von Plattformen wie TIMOCOM?

KI kann digitale Plattformen auf ein neues Level heben. Sie kann Touren vorausdenken und dabei ähnlich wie ein erfahrener Schachspieler mehrere Züge und unterschiedliche Szenarien gleichzeitig bewerten. Dafür benötigt sie allerdings deutlich mehr Daten als sie heute hat. 

Wenn Unternehmen potenzielle Transportbedarfe früher einstellen – auch dann, wenn sie noch nicht endgültig feststehen –, kann KI diese Informationen nutzen, um zukünftige Kapazitäten auch anhand der kurzfristig entstehenden Alternativen besser zu planen und passende Transportpartner vorzuschlagen. Plattformen entwickeln sich dadurch vom digitalen Schwarzen Brett hin zu intelligenten Netzwerken, die das Perfect Match zwischen Angebot und Nachfrage immer besser unterstützen.

Wird aus dem Marktplatz zunehmend ein Steuerungsinstrument?

Nein. Die Verantwortung für Transportentscheidungen bleibt auch künftig bei Disponenten und Speditionen. Was sich verändert, ist die Qualität der Entscheidungsgrundlagen. Moderne Plattformen unterstützen heute bereits viele Schritte des Transportprozesses – von der Partnersuche über die Planung bis zur Auftragsabwicklung. Sie liefern Informationen und schaffen Transparenz. Wir verstehen TIMOCOM deshalb als Enabler: Wir unterstützen unsere Kunden dabei, in einer effizienten Art und Weise fundiertere Entscheidungen zu treffen, übernehmen diese Entscheidungen aber nicht selbst.

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