Jürgen Bauer, Obmann der Fachgruppe Spedition und Logistik in der Wirtschaftskammer Wien | © Florian Wieser
Der neue Masterplan Urbane Logistik der Stadt Wien stößt bei der Fachgruppe Spedition und Logistik der Wirtschaftskammer Wien grundsätzlich auf Zustimmung. Aus Sicht der Branche muss die Stadtplanung allerdings stärker berücksichtigen, was vor der eigentlichen letzten Meile passiert. Gefordert werden ausreichend leistbare Logistikflächen, Umschlagplätze und eine leistungsfähige Infrastruktur für den B2B-Verkehr.
„Paketboxen sind sinnvoll, aber sie helfen nur dem letzten Teil der Logistikkette“, sagt Jürgen Bauer, Obmann der Fachgruppe Spedition und Logistik in der Wirtschaftskammer Wien. „Der Kunde steht am Ende der Logistikkette – davor müssen Waren überhaupt erst in die Stadt, umgeschlagen und effizient auf die letzte Meile verteilt werden.“
Logistikflächen werden in Wien knapp
Hinter der Forderung steht ein zunehmender Flächendruck. Gemeinsam mit Industrie und Gewerbe ist die Logistik laut Fachgruppe auf rund fünf Prozent der Wiener Stadtfläche in Betriebszonen angesiedelt. Von diesen Betriebszonen seien nur noch etwa sechs Prozent unbebaut.
Großflächige Logistiknutzungen weichen deshalb zunehmend ins Umland aus. Genau darin sieht die Branche ein Problem: Werden Lager- und Umschlagstandorte weiter von ihren innerstädtischen Zielen entfernt, verlängert sich zwangsläufig der Weg der Waren in die Stadt.
„Wer Logistik aus der Stadt drängt, produziert am Ende mehr Verkehr statt weniger“, sagt Bauer. Für elektrische Nutzfahrzeuge kommen neben zusätzlichen Kilometern auch Fragen der Reichweite, Ladeinfrastruktur und betrieblichen Effizienz hinzu.
Donau- und Hafenachse als Logistikräume sichern
Besonderes Potenzial sieht die Fachgruppe entlang der Donau- und Hafenachse sowie in den großflächigen Betriebszonen der Donaustadt und im Süden Wiens. Dort treffen Verkehrsanbindungen, Umschlagmöglichkeiten und entsprechende Betriebswidmungen bereits aufeinander.
Diese Gebiete sollten nach Ansicht der Spediteure langfristig für logistische Nutzungen gesichert und weiterentwickelt werden. „Denn Logistik ist kein Nebenthema des Onlinehandels, sondern Voraussetzung dafür, dass Handel, Gewerbe, Baustellen, Produktion und die Versorgung der Stadt überhaupt funktionieren“, betont Bauer.
Auch bei neuen Stadtentwicklungsprojekten soll Logistik deshalb früher berücksichtigt werden. Als Beispiel nennt die Fachgruppe Neu-Marx, wo leistbare Flächen für logistische Funktionen von Beginn an eingeplant werden sollten.
Stadtlogistik ist mehr als Paketzustellung
Dabei geht es nicht allein um den stark gewachsenen Paketverkehr. Stückgut, Möbel, Haushaltsgeräte, Baumaterialien oder Lieferungen für die Gastronomie benötigen größere Umschlag- und Rangierflächen, die sich nicht durch Paketstationen oder kleinteilige Lösungen für die letzte Meile ersetzen lassen.
Die Forderung der Wiener Spediteure zielt damit auf einen grundlegenden Zielkonflikt der Stadtentwicklung: Flächen innerhalb der Stadt sind knapp und stehen unter hohem Nutzungsdruck. Werden logistische Funktionen jedoch vollständig an den Stadtrand oder ins Umland verlagert, können ausgerechnet jene zusätzlichen Verkehrswege entstehen, die Konzepte für eine effizientere urbane Logistik eigentlich vermeiden sollen.
