„Wir brauchen echte Entbürokratisierung sowie Planbarkeit beim Umstieg auf alternative Antriebe“, sagt Schneckenreither. (Foto: WK Oberösterreich / Kneidinger Photography)
Herr Schneckenreither, wie ist die Stimmung in der Logistik- und Speditionsbranche derzeit? Was sind die größten Sorgen und Herausforderungen?
Die Stimmung ist trotz der enormen Herausforderungen durchaus gefasst und positiv. Die Transport- und Logistikwirtschaft ist rauen Wind gewohnt. Allerdings sind die Grenzen der Belastbarkeit des Systems mittlerweile erreicht. Unsere Unternehmen brauchen ihre Ressourcen für ihr eigentliches Geschäft und nicht für immer neue Belastungen und zusätzliche Bürokratie. Besonders herausfordernd ist derzeit die extreme Volatilität. Kaum etwas ist planbar, gleichzeitig fehlt es vielfach an Rechts- und Planungssicherheit bei den Rahmenbedingungen.
Welche Maßnahmen müsste die Politik jetzt am dringendsten umsetzen?
An erster Stelle steht eine Entlastung der Mobilität. Angesichts der Spritpreisentwicklung braucht es eine temporäre Senkung der Mineralölsteuer, einen Gewerbediesel nach dem Vorbild anderer europäischer Länder, eine Aussetzung der CO₂-Bepreisung und eine Deckelung der Maut. Notwendiger Gütertransport darf nicht länger als Melkkuh der Nation für einen krachenden Staatshaushalt gesehen werden.
Zweitens muss der Lenkermangel entschärft werden. Dafür braucht es die Anerkennung als Mangelberuf und bessere Möglichkeiten, Fahrer aus Drittstaaten über die Rot-Weiß-Rot-Karte zu beschäftigen.
Drittens brauchen wir echte Entbürokratisierung sowie Planbarkeit und Rechtssicherheit beim Umstieg auf alternative Antriebe. Förderungen und Anreize müssen so gestaltet werden, dass Investitionen auch wirtschaftlich darstellbar sind.
Sie haben einmal gesagt: „In allen anderen Bereichen der Wirtschaft wird Wachstum mit Applaus bedacht – nicht aber in der Verkehrswirtschaft.“ Hat sich daran etwas geändert? Wird die Bedeutung der Logistik für Wirtschaft und Versorgungssicherheit in der Politik ausreichend verstanden?
Leider ganz klar nicht. Die Branche wird oft als lästiges Anhängsel betrachtet, während funktionierende Versorgungsketten als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden. Mobilität für Personen und Güter wird häufig auf Verkehr als Selbstzweck reduziert. Dabei wird Berufsverkehr nicht als notwendiges Mittel zum Zweck anerkannt und respektiert. Wirtschaft braucht Mobilität – und Mobilität braucht die entsprechenden Wege.
Wie zukunftsfit ist Oberösterreich bei der Verkehrsinfrastruktur? Wo besteht der größte Handlungsbedarf?
Für Oberösterreich hat der Hafen Koper im kombinierten Verkehr zentrale Bedeutung. Seine Rolle für die heimische Wirtschaft hat sich zuletzt sogar noch verstärkt. Deshalb ist der Ausbau der Pyhrn-Schober-Achse von entscheidender Bedeutung. Diese Strecke sollte ebenso wie die Pyhrn-Summerauerbahn in das TEN-T-Kernnetz aufgenommen werden.
Auch auf der Straße braucht es wichtige Projekte wie den Lückenschluss der S10, eine neue Mauthausener Brücke sowie die A7-Ostumfahrung von Linz. Gleichzeitig müssen die Bahnverbindungen Richtung Deutschland konsequent ausgebaut werden. Besonders wichtig sind die Strecken Passau–Nürnberg, München–Salzburg und die ABS38. Fehlende Kapazitäten auf diesen Achsen wirken sich direkt auf die Verkehrssituation auf den Straßen aus. Brenner-ähnliche Zustände dürfen wir in Oberösterreich gar nicht erst entstehen lassen.
Welche Bedeutung haben leistungsfähige Güterverkehrskorridore für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts?
Der Güterverkehr ist der Blutkreislauf unserer Wirtschaft. Produkte, die in Oberösterreich hergestellt werden, müssen rasch und zuverlässig zu ihren Absatzmärkten gelangen. Gütermobilität ist daher kein Selbstzweck, sondern ein wesentlicher Standort- und Wettbewerbsfaktor. Wirtschaft braucht Mobilität, Mobilität braucht Wege.
Die Lehrlingskampagne „Move it“ soll junge Menschen für die Branche begeistern. Wie fällt die bisherige Bilanz aus?
Die Botschaft von „Move it“ lautet: Du kannst hier etwas bewegen. Unsere Branche bewegt die Zukunft – und dafür brauchen wir junge Menschen. Gemeinsam mit der Berufsschule Ried und der FH Steyr setzen wir zahlreiche Initiativen um, von Round Tables bis zu Praxistagen.
Die Entwicklung der Lehrlingszahlen zeigt, dass dieser Weg funktioniert. Während viele Branchen zuletzt Rückgänge verzeichneten, konnte die oberösterreichische Logistikwirtschaft bei den Lehrlingen erfreuliche Zuwächse erzielen.
„Begegnung auf Augenhöhe“ war Ihre zentrale Forderung beim letzten Zukunftsforum. Was verstehen Sie darunter?
Unsere Branche leistet einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg der heimischen Wirtschaft und zum Funktionieren der Gesellschaft. Wenn das von Politik und Gesellschaft anerkannt wird, wenn fördernde statt behindernde Maßnahmen gesetzt werden und daraus echte Wertschätzung entsteht, dann haben wir dieses Ziel erreicht. Davon würden letztlich alle Menschen im Land profitieren.
