Neue Korridore für Europas Osten

24.04.2026 | Standort, Straße

Die EU treibt den Ausbau strategischer Verkehrsachsen auf dem Balkan und Richtung  Zentralasien voran. Dabei gewinnen neben wirtschaftlichen auch geopolitische Überlegungen an Bedeutung.

Von: Frank Stier

Dass Bulgarien auf der Landkarte mit fünf paneuropäischen Verkehrskorridoren über eine privilegierte geostrategische Position an der Schnittstelle zwischen Europa und Vorderasien verfügt, ist unbestritten. Ebenso zweifelsfrei ist aber, dass seine bestehenden Verkehrs- und Transportverbindungen im eigenen Land und über seine Grenzen hinweg unzureichend entwickelt sind. Zahlreiche Beispiele illustrieren das Manko. So liegt die Eisenbahnstrecke zwischen Sofia und der Ägäis-Metropole Thessaloniki seit neun Jahren still. Die bereits im 19. Jahrhundert angedachte Schienenverbindung zwischen Sofia und der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje harrt ihrer Vollendung. Und die im Jahr 1974 begonnene Autobahn Hemus von Sofia nach Varna ist lediglich knapp zur Hälfte befahrbar. Es gibt aber auch Lichtblicke. Nach dreißig Jahren Projektdauer wurde Ende Jänner der neue Grenzübergang zwischen dem bulgarischen Rudozem und dem griechischen Xanthi eröffnet.

Infrastruktur zwischen Stillstand und Aufbruch

Nach dem Rücktritt der bulgarischen Regierung von Ministerpräsident Rossen Scheljaskow wird das Balkanland im April 2026 zum achten Mal in fünf Jahren ein neues Parlament wählen. Jahrelange politische Instabilität ist die schlechteste Vor-
aussetzung für die Realisierung überfälliger Infrastrukturprojekte. Nun will die Europäische Kommission die Entwicklung von Verkehrsprojekten in der Region unterstützen.

Anfang Dezember 2025 lud EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas die Verkehrsminister Griechenlands, Bulgariens und Rumäniens nach Brüssel ein. Sie unterzeichneten dort ein Kooperationsabkommen für die Gründung einer Plattform für den Schwarzmeer-Ägäis-Korridor (BACP). Ihn hält Kommissar Tzitzikostas für eine „essenzielle Verkehrsader im transeuropäischen Verkehrsnetz“. Der Korridor werde „die zivile Anbindung und die militärische Mobilität für die EU und die NATO verbessern“. Die Plattform könne als „regionaler Kooperationsrahmen für die Entwicklung und Modernisierung der grenzüberschreitenden Verkehrsinfrastruktur“ dienen.

Beim ersten BACP-Arbeitstreffen Ende Jänner 2026 in Sofia erklärte Bulgariens Transportminister Grosdan Karadjov, die Idee hinter dieser Partnerschaft sei simpel: „Planung, Entwurf, Genehmigung und Bau erfolgen synchron, damit der Nord-Süd-Korridor schnell und ohne Unterbrechungen, Verzögerungen oder bürokratische Hindernisse voll funktionsfähig wird.“

Drei Achsen

Der Korridor besteht aus drei Achsen. Die westliche führt von Athen über Thessaloniki nach Sofia und die Donaubrücke von Vidin nach Calafat bis Bukarest. Die zentrale reicht von Thessaloniki über Alexandroupolis und Svilengrad zur Donaubrücke bei Russe und weiter nach Bukarest bis zu den Grenzen Moldawiens und der Ukraine. Und die östliche führt von Thessaloniki über Alexandroupolis und Stara Zagora zu den Schwarzmeerhäfen Burgas und Varna in Bulgarien sowie Konstanza in Rumänien.

Entlang dieser Achsen sollen Griechenland, Bulgarien und Rumänien mit Unterstützung der EU-Kommission die Abwicklung ihrer Verkehrsprojekte koordinieren und so „die Interoperabilität strategischer Bahn-, Straßen- und Binnenschifffahrtsverbindungen beschleunigen“.

Als prioritäre Maßnahmen im Rahmen der BACP nannte Minister Karadjov die Wiederinbetriebnahme der Eisenbahnstrecke Sofia–Thessaloniki im kommenden Jahr, den Bau einer Schienenverbindung zwischen dem griechischen Hafen Alexandroupolis und Burgas, die Errichtung des Shipka-Tunnels unter dem Balkangebirge und die Fertigstellung der Donaubrücke 3 zwischen Russe und Giurgiu. Angedacht sind laut Karadjov zudem weitere Donaubrücken zwischen Nikopol und Turnu Măgurele sowie zwischen Silistra und Călărași.

Brücke nach Zentralasien

Als prioritäres Element des TEN-V-Güterverkehrskorridors Orient – Östliches Mittelmeer gilt bereits seit dem Jahr 2022 der Paneuropäische Verkehrskorridor VIII. Er verbindet den albanischen Adriahafen Durres über Skopje und Sofia mit den bulgarischen Schwarzmeerhäfen Burgas und Varna. Nach jahrelanger Blockade haben sich Nordmazedonien und Bulgarien im November 2025 auf die Verknüpfung ihrer beiden Schienennetze durch die Fertigstellung des Grenztunnels Deve Bair bis 2030 geeinigt.

Dem Ost-West-Korridor VIII wird eine Brückenfunktion zwischen Italien und Zentralasien nicht nur für den zivilen Güterverkehr eingeräumt, sondern auch für militärische Transporte und Truppenbewegungen an der NATO-Ostflanke im Spannungsfall mit Russland.

Zuletzt hob EU-Kommissarin für Erweiterung und Östliche Nachbarschaft, Marta Kos, zudem die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den zentralasiatischen Staaten zur gemeinsamen Entwicklung der Transkaspischen Internationalen Transportroute hervor. „Wir erstellen gemeinsam mit Armenien, Aserbaidschan und der Türkei eine Projektpipeline“, sagte sie Mitte Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der Verkehr auf diesem Korridor hat sich einer EU-Studie zufolge seit 2022 vervierfacht. Kos erwartet nun, dass sich sein Verkehrsaufkommen bis 2030 verdreifachen wird. Sie sieht das Potenzial, die Transitzeiten für Güter zwischen Europa und China bei beträchtlichen Kosteneinsparungen zu halbieren.

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