Foto: AdobeStock / bancha)
Es war ein kollektives Aufatmen, das im Dezember 2025 durch die Teppichetagen der europäischen Transportbranche ging. Die Nachricht aus Brüssel: Der Start des zweiten Emissionshandelssystems (ETS2) für Verkehr wird verschoben. Statt 2027 soll der CO₂-Preis-Hammer nun erst 2028 fallen. Die Politik hat, getrieben von der Angst vor inflationsgeplagten Wählern, geblinzelt. Für den kurzsichtigen Kaufmann mag das wie ein Geschenk des Himmels wirken – ein weiteres Jahr Gnadenfrist mit dem vertrauten Diesel. Doch der Schein trügt gewaltig. Diese politische Atempause ist keine strategische Chance, sie ist eine Falle.
Wer seine Unternehmensstrategie allein an den Launen des EU-Gesetzgebers ausrichtet, hat das Spielbrett nicht verstanden. Die wahren Treiber der Dekarbonisierung sitzen längst nicht mehr in den Ausschüssen des EU-Parlaments. Sie sitzen in den Einkaufsabteilungen von Ikea, Lidl und Unilever – und zunehmend auch in der eigenen Finanzbuchhaltung.
Nachhaltigkeit gewinnt Ausschreibungen
Der Wind in den Ausschreibungen hat sich gedreht. War „Green Logistics“ früher ein nettes Extra in der PowerPoint-Präsentation, ist es heute ein hartes Vergabekriterium. In öffentlichen und privaten Tendern sehen wir zunehmend eine Gewichtung von 20 bis 30 Prozent für Nachhaltigkeitskriterien. Der Preis allein entscheidet nicht mehr über den Zuschlag. Verlader fordern messbare Daten statt Prosa. Wer keine primären Emissionsdaten liefern kann, droht aus dem Raster zu fliegen, bevor die Preisverhandlung überhaupt beginnt.
Großkunden machen Ernst: Ikea fordert in Städten wie Shanghai oder Paris bereits heute 100 Prozent emissionsfreie Lieferungen. Die Schwarz Gruppe (Lidl) baut eigene Ladeinfrastruktur, weil sie nicht auf den Staat warten will. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer nicht investiert, verliert den Zugang zu Volumen.
Die ungenutzte Goldmine auf dem Dach
Doch Klimaschutz ist nicht nur eine Forderung der Kunden, sondern ein unterschätzter Hebel zur internen Kostenoptimierung. Der Blick muss weg vom Auspuff, hin zur Immobilie. Millionen Quadratmeter Hallendächer auf Logistikzentren liegen brach oder sind mit Alibi-PV-Anlagen bestückt, die kaum den Eigenbedarf decken. Hier schlummert gigantisches Potenzial.
Das Argument „Das Netz gibt die Einspeisung nicht her“ gilt 2026 nicht mehr als Ausrede. Die Lösung liegt in der Sektorenkopplung: Photovoltaik plus Batteriespeicher. Der wirtschaftliche Treiber ist hierbei nicht nur der Eigenverbrauch, sondern das sogenannte „Peak Shaving“ (Lastspitzenkappung). Logistikzentren zahlen hohe Netzentgelte für kurze Leistungsspitzen. Ein intelligenter Batteriespeicher bügelt diese Spitzen glatt und senkt die Netzkosten massiv. Nachts, wenn die Sonne nicht scheint, laden diese Speicher die Flurförderzeuge und E-Lkw. Moderne Lithium-Ionen-Stapler sind rollende Energiespeicher. Wer PV, stationären Speicher und Ladeinfrastruktur koppelt, macht sich unabhängig von volatilen Strompreisen und steigert die Rendite der Immobilie. Ein ungenutztes Dach ist in Zeiten volatiler Energiepreise unterlassene Hilfeleistung am eigenen Betriebsergebnis.
Die Schiene: Hassliebe mit Zukunft
Ein weiterer, oft schmerzhafter Baustein ist der Modal Shift. Die Verlagerung auf die Schiene bleibt politisch gewollt, ist operativ aber ein Minenfeld. Baustellenmarathons im deutschen Netz und steigende Trassenpreise treiben Logistiker zur Verzweiflung. Dennoch: Für die Langstrecke führt an der Schiene kein Weg vorbei, wenn man den CO₂-Fußabdruck signifikant senken will. Hier helfen Förderprogramme wie SGV-Plus in Österreich, die den Einzelwagenverkehr und den unbegleiteten Kombinierten Verkehr (UKV) stützen. Kluge Spediteure nutzen diese Töpfe und setzen auf kranbare Trailer, um flexibel zwischen Straße und Schiene zu wechseln. Es geht nicht um „entweder-oder“, sondern um intelligente Multimodalität.
Aller Anfang ist Datenbasis
Viele Mittelständler stehen vor diesem Berg an Anforderungen und fragen: „Wo fange ich an?“ Die Antwort ist simpel: Bei der Wahrheit. Der erste Schritt ist keine Millionenfahrzeug-Investition, sondern Transparenz. Erfassen Sie Ihren CO₂-Fußabdruck (Corporate Carbon Footprint) präzise. Nutzen Sie zusätzlich Tools, um Emissionen sendungsscharf zu berechnen. Daraus ergibt sich oft eine Liste mit „Low-Hanging Fruits“ – Maßnahmen, die sofort Geld und CO₂ sparen, ohne große Investitionen. Beispielsweise: Reifendruck, Fahrertrainings (ein geschulter Fuß ist der beste CO₂-Filter. Einsparungen von bis zu 10 % sind realistisch), Leerfahrten vermeiden (Nutzen Sie digitale Frachtenbörsen und KI, um „Empty Miles“ zu killen. Nichts ist teurer und umweltschädlicher als transportierte Luft!)
Fazit: Agieren statt Reagieren
Die Verschiebung des ETS2 ist ein vergiftetes Geschenk. Sie verleitet zur Trägheit in einem Moment, der maximale Beschleunigung erfordert. Die Kostenlawine rollt – wenn nicht durch Brüssel, dann durch nationale CO₂-Abgaben und Kundenanforderungen. Für den Logistikunternehmer lautet die Devise für 2026: Rechnen Sie neu. CO₂-Einsparung ist Kosteneinsparung. Ein Solardach, das den E-Stapler lädt, ist billiger als Diesel und Netzstrom. Ein E-Lkw im Verteilerverkehr erreicht heute schon „Total Cost of Ownership“-Parität. Die feine Klinge der Strategie besteht darin, die Unausweichlichkeit der Dekarbonisierung zu akzeptieren und sie vom Kostenfaktor zum Verkaufsargument zu drehen. Denn eines ist sicher: Ab 2028 fragt niemand mehr, ob Sie grün fahren können, sondern nur noch, warum Sie es nicht schon längst tun. Wer dann erst anfängt zu bauen, hat den Markt bereits verloren.
Markus Himmelbauer ist Logistik- und Umweltexperte, Unternehmensberater und Sparringspartner für Turnaround Management, M&A, Transformation & CO2-Reduktion sowie für Strategie- und Innovationsprojekte.
himmelbauer-consulting.com
