„Wir sehen, dass die Digitalisierung im Schienengüterverkehr nun an Fahrt gewinnt“, sagt Martin Neese. (Foto: VTG / Dr. Martin Neese)
Der Bahnverkehr wächst nur minimal. Wo sehen Sie Wachstumschancen für VTG?
Die Transportleistung auf der Schiene schrumpft insgesamt – jedoch vor allem im Blockzugbereich. Wir bieten auch Waggongruppen- und Einzelwagenverkehre an und halten so große Mengen auf der Schiene. Unser Fokus liegt traditionell im Energie- und Chemiebereich. Im Energiebereich stellen wir erfreulicherweise eine stärker werdende Nachfrage im Bereich „New Energies“ fest.
Kunden wollen immer mehr Komplettpakete aus Waggons und Logistik. Wie passen Sie Ihr Geschäftsmodell daran an?
Unsere neue Struktur ermöglicht es uns, für jede Situation und jede Kundenanforderung noch besser bedarfsgerecht den Fokus entweder auf unser CORE-Business der Vermietung oder auf das CORE+-Business Logistik – genauer gesagt Asset-Light Rail Logistics – zu setzen. Oder der Kunde möchte ein „all in“-Komplettpaket aus Waggons und Logistik. Dieses können wir dann über die Logistics Division maßgeschneidert in und durch ganz Europa anbieten. Dank der im Herbst 2025 ins Leben gerufenen Division stellen wir erhebliche Synergieeffekte zwischen den Bereichen Leasing, Logistik und Production fest, die zu einer verbesserten Auslastung der Flotte sowie zu einer stärkeren Kundenbindung und Kundenloyalität führen.
Welche modularen Konzepte oder Innovationen testen Sie derzeit?
Derzeit gibt es diverse Projekte im Bulk-Bereich, bei denen wir maßgeschneiderte modulare Boxsysteme erfolgreich in der Vermietung anbieten, die mit üblichen Intermodalwaggons kombiniert werden können.
Sie investieren stark in die Digitalisierung. Welche neuen Use-Cases rollen Sie gerade aus?
Unser neuester Use Case ist der iWagon in UK: Waggons mit einem smarten „ABS-System“ mit enormem Maintenance-Potenzial durch das Monitoring von Achsen. Dadurch lassen sich unter anderem in Echtzeit blockierende Achsen vermeiden, womit dem Abrieb an Radsätzen – den sogenannten „Flachstellen“ – wirksam vorgebeugt wird. Dies ermöglicht nicht nur unseren Kunden, die Verfügbarkeit der Fahrzeuge zu erhöhen und Instandhaltungskosten zu verringern, sondern trägt darüber hinaus auch zu einer verbesserten Sicherheit auf der Schiene bei.
Wie steuern Sie Traktion und Kapazitäten bei Engpässen?
Das Meistern von Engpässen gehört zu unserem Kerngeschäft als Bahnlogistiker. Wir suchen regelmäßig nach Lösungen, wie zuletzt mit Sammelverkehren zusammen mit unseren Kunden, um Einschränkungen im deutschen Einzelwagenverkehr zu meistern. Ein weiteres Beispiel ist die Kombination von leichten mit schweren Teilzügen zu langen Ganzzügen.
Wir verfügen auch über ein Traktionspartnernetzwerk mit vielen guten Dienstleistern, mit denen wir zum Teil seit Jahrzehnten vertrauensvoll zusammenarbeiten. Unsere eigenen Traktionsaktivitäten in der Retrack Germany haben wir im Dezember 2025 beendet – ein konsequenter Schritt im Rahmen unserer Fokus-Strategie aus Core und Core+.
Welche Trends verändern VTG am radikalsten, und wie richten Sie sich darauf ein?
Wir befürchten eine weitere Stagnation des gesamten Schienengüterverkehrs in Europa und haben uns mit unserer Fokus-Strategie bereits darauf eingestellt. Das heißt, wir stellen den Kunden und seine sich verändernden Bedürfnisse ins Zentrum unseres Handelns und kombinieren Waggonvermietung mit Waggonservices und Bahnlogistik.
Ein weiterer, leider gefährlicher Trend könnte der Verlust der bestehenden europaweiten Interoperabilität werden, den wir hoffentlich im Schulterschluss aller relevanten Stakeholder im Bahnsektor aufhalten können. Denn das „System Bahn“ darf nicht noch komplizierter werden und wieder an Ländergrenzen zum Stehen kommen.
Ein negatives Beispiel ist hier leider im Jahr 2025 in der Schweiz zu finden gewesen. Das Hin und Her zu den Verfügungen des Schweizer Bundesamtes für Verkehr infolge des Unfalls im Gotthard-Basistunnel hat in jedem Fall viele unserer Bahnkunden doch sehr verschreckt. Andererseits haben sich schlussendlich viele Akteure aus dem Bahnbereich zu Wort gemeldet, und wir sind uns sicher, dass nun eine gute europäische Lösung gefunden werden wird.
Des Weiteren sehen wir, dass die Digitalisierung im Schienengüterverkehr nun deutlich an Fahrt gewinnt und sowohl hinsichtlich des Digitalisierungsgrades als auch in Bezug auf den Modal Shift gegenüber der Straße deutlich aufholen wird. Sowohl bei der Leistungserbringung in der Vermietung und im Bahntransport als auch in unseren eigenen internen Prozessen verstärken wir daher unsere Digitalisierungsanstrengungen – aufbauend auf einer schon über Jahre währenden Vorarbeit.
