Vom Reeder zum Architekten globaler Lieferketten

28.08.2026 | Wasser

Maersk feiert 40 Jahre in Österreich. Geschäftsführerin Ágnes János hat den Wandel von der klassischen Reederei zum Logistikintegrator selbst miterlebt.

Im klimatisierten Büro in Wien-Meidling sitzt Ágnes János, Geschäftsführerin von Maersk Österreich, vor den Porträts von Maersk-Gründer Peter Mærsk Møller und dessen Sohn Arnold Peter Møller. Neben ihr steht das Modell eines älteren Containerschiffs. Als sie auf das Modellschiff zeigt, spricht sie zunächst über Schiffsbau. Die Brücke lag früher ganz hinten, erzählt sie. Der Kapitän war dort gut geschützt, hatte aber wenig Blick auf das Meer. Später wanderte die Brücke in die Mitte des Schiffes, heute liegt sie ganz vorne. Es ist ein technisches Detail. Und doch beschreibt es erstaunlich gut die Entwicklung von Maersk.

Vor 40 Jahren, als der dänische Konzern seine österreichische Niederlassung eröffnete, war das Unternehmen vor allem eine Reederei. Schiffe, Container und der Transport über die Weltmeere bildeten das Kerngeschäft. „Wir waren eine ganz normale Reederei“, sagt János. „Heute bieten wir unseren Kunden komplette Konzepte an.“ Das Angebotsspektrum reicht mittlerweile von See-, Luft- und Straßentransporten über Lagerlogistik und Terminals bis hin zu kompletten Lieferketten aus einer Hand.

Dass sich Maersk verändert hat, führt sie jedoch nicht nur auf strategische Entscheidungen, sondern auch auf die Veränderungen der Weltwirtschaft zurück. Lieferketten seien komplexer geworden, Produktionsstandorte hätten sich verschoben und Unternehmen verlangten zunehmend integrierte Lösungen statt einzelner Transportleistungen.

Erfahrung statt Statistik

Wer mit János spricht, merkt schnell, dass sie diese Entwicklung nicht aus Statistiken kennt, sondern aus eigener Erfahrung. Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet sie in der Logistik. Ihre Laufbahn begann 1986 in Ungarn, Anfang der 1990er-Jahre führte sie ihr Weg nach Österreich. 1993 begann sie ihre Laufbahn bei der Agentur Enrico Sperco, die unter anderem die internationale Reederei P&O in Österreich vertrat. Nach der Fusion von P&O und Nedlloyd wechselte sie in die österreichische Niederlassung der neuen Reederei. Mit der Übernahme durch den dänischen Logistikkonzern Maersk im Jahr 2005 führte sie ihren beruflichen Weg dort fort. 2019 übernahm sie schließlich die Geschäftsführung von Maersk Österreich. „Ich habe in meinem ganzen Leben nichts anderes gemacht“, sagt sie. „Für mich ist Maersk wie eine zweite Familie.“ 

An Veränderungen mangelte es dennoch nicht. Als János in die Logistik einstieg, wurden Dokumente noch auf der Schreibmaschine erstellt, Nachrichten per Telex verschickt und internationale Transporte telefonisch koordiniert. Heute genügt vielfach ein Smartphone, um Lieferketten rund um den Globus zu steuern.

Noch eindrucksvoller als der technologische Wandel sind für sie jedoch die Veränderungen der Warenströme. Sie erinnert sich an eine Zeit, als Woche für Woche ganze Züge mit Rohtabak nach Linz rollten. Österreich produzierte Zigaretten für internationale Märkte; wertvolle Transporte wurden teilweise sogar bewaffnet begleitet. Wenige Jahre später war dieses Geschäft praktisch verschwunden. Stattdessen bestimmten andere Güter den Markt: Solarmodule, Komponenten für die Automobilindustrie oder Konsumgüter aus Asien. „Wenn man das über 40 Jahre begleitet, sieht man erst, wie stark sich die Welt verändert.“

Innovation mit Weitblick

Gerade deshalb sieht sie Innovation als zentrale Aufgabe eines Unternehmens wie Maersk. Der dänische Konzern übernahm eine Vorreiterrolle bei der Dekarbonisierung der Containerschifffahrt, als er als erste Reederei methanolbetriebene Containerschiffe in Auftrag gab. Der frühe Einstieg in diese Technologie sei zunächst auf Skepsis gestoßen. Inzwischen hätten jedoch zahlreiche Wettbewerber nachgezogen und vergleichbare Investitionsentscheidungen getroffen. „Wir versuchen, Entwicklungen früh zu erkennen und den ersten Schritt zu machen.“

Trotz aller technologischen Fortschritte bleibt für sie eines unverändert: Logistik lebt von Menschen. Künstliche Intelligenz werde Routineprozesse zunehmend übernehmen, ist János überzeugt. Wenn Lieferketten jedoch aus dem Gleichgewicht geraten, brauche es Erfahrung, Improvisation und Entscheidungen, die sich nicht aus einer Datenbank ableiten lassen.

Nach 40 Jahren in Österreich blickt Maersk auf eine beeindruckende Unternehmensgeschichte zurück. Für Ágnes János erzählt dieses Jubiläum jedoch vor allem eine andere Geschichte: wie sich die Welt verändert hat – Container für Container.

Anzeigen
Anzeigen

Newsletter

Events

Auf Linkedin folgen