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„Online wird wie wild bestellt“

Bildrecht: GLS

Klaus Schädle, Group Area Managing Director von Global Logistics Service (GLS), spricht im Interview mit der Int. Wochenzeitung Verkehr über die aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf sein Unternehmen und auch die Branche. Steigenden Online-Mengen im B2C-Bereich stehen erhöhte Zustellstopps entgegen.

Ende letzten Jahres übernahm Klaus Schädle die Leitung von GLS Austria, einer Tochtergesellschaft der General Logistics Systems B.V. mit Hauptsitz in Amsterdam. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie stellt alle -Unternehmen vor neue Herausforderungen. Aus diesem Grund hat sich Verkehr mit ihm über seine Einschätzung der aktuellen Wirtschaftslage unterhalten.

Verkehr: Wie nehmen Sie generell die Auswirkungen der -Corona-Pandemie auf die KEP-Branche wahr?
Klaus Schädle: Zu Beginn des Lockdowns gab es in allen Ländern einen erheblichen Mengeneinbruch. In den anderthalb bis zwei Wochen danach hat es sich allerdings wieder komplett verändert, wahrscheinlich weil viele B2B-Versender auf B2C-Versand umgestellt haben. Momentan haben wir daher überall wesentlich mehr B2C-Pakete im System, vor Corona waren es deutlich weniger. Online wird gerade wie wild bestellt, und die Menge ist aktuell deutlich höher als im Vorjahr. Dafür ist allerdings auch die durchschnittliche Stoppanzahl der Zustellfahrer gestiegen. Sie haben aber den Vorteil, dass die Straßen leerer und die Empfänger besser erreichbar sind. Es bleibt abzuwarten, ob der B2C-Anteil sinken wird, wenn die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder gelockert werden.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie direkt auf GLS?
Schädle: Wie erwähnt, haben wir momentan extrem hohe Paketmengen im System und müssen diese unter deutlich erschwerten Bedingungen verarbeiten. Der internationale Linehaul-Verkehr, der Umschlag in den Depots und die letzte Meile sind Bereiche, die aktuell nahe an der Kapazitätsgrenze agieren. Besonders in Frankreich ist die Situation extrem. Die Privatempfänger ordern sehr viel, gleichzeitig herrscht aber überall durch die Überlastung der Krankenhäuser große Nervosität. Paris ist davon am stärksten betroffen. Dort haben wir so viele Pakete in der Zustellung wie noch nie; zugleich hat sich Covid-19 in dieser Gegend besonders stark ausgebreitet. Das ist für die Zustellfahrer vor allem psychisch eine extreme Belastung. Wir unterstützen sie daher so gut wir können, indem wir ihnen jeden Tag neue Schutzmasken, Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen. Auch in den Depots wird alles mehrmals täglich desinfiziert, und die Sortierung findet in manchen Depots in zwei Wellen statt, damit die Mitarbeiter die erforderlichen Abstände einhalten können.

Gibt es spezielle Kundenlösungen, die gerade jetzt bei Ihnen verstärkt nachgefragt werden?
Schädle: Nein, die Kunden freuen sich, wenn wir es schaffen, ihre Pakete in dieser Situation zuzustellen. Wir stellen auch fest, dass viele Kunden Verständnis dafür haben, dass momentan Pakete teilweise erst nach 48 Stunden ankommen und nicht, wie üblich, nach 24 Stunden. Ähnlich verhält es sich mit der kontaktlosen Zustellung, die wir zum Schutz der Zustellfahrer und der gesamten Lieferkette praktizieren – auf Kundenseite gibt es dafür eine hohe Akzeptanz.

Wie wird sich der KEP-Markt in Österreich bzw. Europa bis Ende des Jahres entwickeln?
Schädle: Die Entwicklungen in diesem Zeitraum sind aus meiner Sicht bisher nicht absehbar. In Österreich haben jetzt die ersten Läden wieder geöffnet, aber was ist, wenn es eine zweite Ansteckungswelle gibt, zum Beispiel im Herbst? Vielleicht kommt dann der nächste Shutdown. Aufgrund dieser -Unberechenbarkeit fahren wir momentan am besten damit, nur von Woche zu Woche und von Tag zu Tag zu planen.

Werden sich die nationalen und internationalen Liefer-ketten in der Nach-Corona-Zeit ändern?
Schädle: Es könnte sein, dass viele Unternehmen wieder mehr in eigene Lager investieren werden. Das würde dazu führen, dass sie mehr Puffer haben und nicht mehr die Lkw als Lager für Just-in-time-Lieferungen nutzen.

Wie wird der KEP-Markt in der Nach-Corona-Zeit aussehen?
Schädle: Wahrscheinlich wird es dauerhaft mehr B2C-Lieferungen geben – unter anderem deswegen, weil aktuell auch viele ältere Menschen, die dem E-Commerce bisher eher skeptisch gegenüberstanden, nun Erfahrung mit Online-Bestellungen machen. Das bedeutet aber auch, dass neue Zustelllösungen für die letzte Meile ent-wickelt werden müssen. Außerdem wird hoffentlich das Verständnis dafür zunehmen, dass Paketlieferungen einen Wert -haben und daher auch etwas kosten müssen. Denn momentan merken die Menschen, dass nicht nur das Pflegepersonal und die -Kassierer, sondern auch die -Zustellfahrer eine wichtige Dienstleistung für die Gesellschaft erbringen. Hinzu kommt noch der Umweltaspekt. Warum muss ich mir drei Hosen bestellen, wenn ich schon vorher weiß, dass ich eh zwei zurückschicken werde? Das tue ich nur, wenn die Retoure kostenlos ist. Diese Der-Versand-darf-nichts-kosten-Mentalität wird sich hoffentlich ändern, vorallem für die Umwelt.

Welche ersten Lehren ziehen Sie persönlich aus der derzeitigen Corona-Krise?
Schädle: Man sieht, dass es sehr wichtig ist, permanent in die Mitarbeiterentwicklung zu investieren. Da zahlen sich unsere Aktivitäten der letzten Jahre momentan sehr aus. Gerade wenn man aus der Distanz -managen muss und der persönliche Kontakt fehlt, braucht man gut ausgebildete Mitarbeiter und Manager.

Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie in der Nach-Corona-Zeit auf unsere Wirtschaft bzw. Gesellschaft?
Schädle: Wirtschaftlich werden wir dieses Jahr sicherlich in eine Rezession laufen und nächstes Jahr dann hoffentlich verstärkt wachsen. Die Gesellschaft wird die Jobs im Logistiksektor hoffentlich mehr wertschätzen und sich nicht nur über Zustellfahrzeuge beschweren, die in zweiter Reihe parken. Wichtig wäre, dass die Städte und Kommunen erkennen, dass die Paketdienste reservierte Parkplätze für die Zustellung in Wohngebieten benötigen. Außerdem sollten die Voraussetzungen für mobile City-Depots geschaffen werden. So könnten wir Fußgänger-zonen CO2-neutral per eVan, eBike oder auch mit Sackkarren aus Containern heraus beliefern. An diesen Orten brauchen wir dann zum Beispiel auch Lademöglichkeiten für die Elektrofahrzeuge. Das wären wünschenswerte Veränderungen, die der Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt nützen würden.

Vielen Dank für das Gespräch!


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