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„Man kann nicht mit Druck und Zwang alles verändern“

„Jeder braucht den Lkw, kaum einer will ihn, obwohl er ein sehr effizientes Transportmittel ist“, erklärt Silvia Fahrner, Geschäftsführerin von Fahrner Overland. Sie ist es leid, dass die breite Öffentlichkeit, aber auch die Politik eine negative Einstellung zum Lkw-Transport haben.
Fotos: Fahrner Overland
(v.l.n.r.) Geschäftsführer-Duo sowie Ehepaar Peter und Silvia Fahrner, 4PL-­Leiterin Tanja Szuesz und Terminalleiter Joachim Herler am Firmenstandort.
Fotos: Fahrner Overland

Fahrner Overland ist ein local champion der steirischen Güterbeförderungsbranche. Verkehr sprach mit Geschäftsführerin Silvia Fahrner über die Entwicklung des Unternehmens und politische Entscheidungen.

von: Muhamed Beganovic

Welche Stärken hat Südösterreich und hier vor allem die Steiermark aus Ihrer Sicht?
Die Nähe zu den Adria-Häfen, besonders zum Hafen Koper, ist wohl die größte Stärke. Durch die Inbetriebnahme des Cargo Center Graz in Werndorf wurde das Bundesland zusätzlich aufgewertet. Dieses hat eine gute Anbindung zur Straße, zum Flughafen Graz und natürlich zur Schiene. Wir sind 2015 dorthin übersiedelt. Das Positive am Standort ist auch, dass wir mit den Steiermärkischen Landesbahnen einen kompetenten Terminalbetreiber haben.
Der Standort hat massiv geholfen, die CO2-Emissionen zu senken, denn früher mussten Überseecontainer per Bahn nach Enns oder Wien und dann von dort per Lkw nach Graz gefahren werden. Jetzt gibt es direkte Verbindungen nach Werndorf, und die Container werden dann auf der Letzten Meile per Lkw gefahren.

1939 wurde die Firma Alois Fahrner gegründet, aus der dann später Fahrner Overland wurde. Welche Ziele verfolgen Sie für die Zukunft?
Wir wollen unser Güterbeförderungsunternehmen, wie in den vielen Jahren zuvor, stets weiterentwickeln, es der Zeit anpassen und optimieren. Wir wollen unter den Besten bleiben – 2023 waren wir auf Platz 10 der besten KMU in der Steiermark im Austrias Leading Companies Ranking.

Zur Expertise des Unternehmens gehört der Containertransport auf der Straße. Was bieten Sie noch an?
Mein Ehemann Peter hat von seinem Großvater die Gabe geerbt, schon früh zu spüren, wann es Zeit für eine Veränderung und zu handeln ist. Der Mitbewerb ist seinen Ideen immer wieder gefolgt – das war interessant zu beobachten. 1988 hat er als Vorreiter mit dem Containertransport begonnen. Diesen haben wir europaweit mit einer Flotte von rund 45 Lkw bis ca 2017 hervorragend bedient. Es gab kaum einen europäischen Hafen, den wir nicht angefahren sind, ich habe 17 Jahre lang die Dispo geleitet und oft disponiert. Das war, rückblickend betrachtet, eine sehr intensive und anspruchsvolle Zeit. Mein Mann und ich haben in mittlerweile 25 Jahren sehr viel erlebt, ich denke gerne und oft schmunzelnd daran zurück. Seit 2017 haben wir den Fernverkehr in diesem Segment unter anderem aus Nachhaltigkeitsgründen stark reduziert. Wir fokussieren uns eher auf das Inland. Mehrere Standbeine zu haben, war uns aber immer wichtig. Seit 2011 haben wir deshalb Vor- und Nachlaufverkehre zur Bahn, aber auch Terminal- und Automotive-Lösungen im Portfolio. Vor allem im letzteren Bereich sind wir seit vielen Jahren ein starker Partner. Seit 2020 sind wir zusätzlich als Spediteur tätig. Zudem haben wir uns – unter der Leitung von Tanja Szuesz – mittlerweile auch zu einem 4PL-Provider im Speditionswesen entwickelt und bieten maßgeschneiderte Gesamtlösungen, also „Rundum-sorglos-Pakete“, an.

Wie stark sind Sie vom Arbeitskräftemangel betroffen und haben Sie Strategien, diesen zu bekämpfen?
Wir sind aus guten Gründen kaum betroffen. Mir ist es nämlich sehr wichtig, dass es unseren Mitarbeitern gut geht – sie sind unser wichtigstes Kapital. Alle Fahrer bekommen von uns seit Jahren zu Weihnachten eine 6. Urlaubswoche zusätzlich zum Weihnachtsgeschenk dazu. Zudem entlohnen wir seit jeher großzügig über dem KV.
Mittlerweile haben wir ein tolles, junges, motiviertes Team, auf das ich stolz bin. Wir sehen unsere Leute nämlich nicht nur als Arbeitskräfte, sondern sehen auch den Privatmenschen dahinter und versuchen, immer sozial und flexibel zu sein sowie unsere Leute zu unterstützen.

Der Straßentransport wird ­politisch in den Debatten um die Dekarbonisierung verteufelt. Wie stehen Sie dazu?
Man kann nicht mit Druck und Zwang alles verändern, wie es, überspitzt gesagt, das Ansinnen unserer Politik ist. Man fordert ein Aus des Verbrennermotors, ohne aber eine ausreichend verfügbare Infrastruktur für E-Lkw zu schaffen. Es wird auch nicht bedacht, dass Unternehmer für die Anschaffung eines solchen Fahrzeugs oft das Dreifache zahlen müssen im Vergleich zu einem herkömmlichen Lkw. Man kann zwar für die ENIN-Förderung ansuchen, weiß jedoch nicht, ob man sie bekommt – das heißt, dass man im Worst Case selbst die Mehrkosten tragen muss.
Kein Lkw, unabhängig davon, wie lärm und emissionsfrei er ist, wird aber die breite Meinung der Öffentlichkeit ihm gegenüber positiv stimmen können, denn nur wenige Menschen setzen sich objektiv mit dem Thema auseinander und informieren sich. Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass Euro-VI-Lkw laut einer Studie der TU Graz sauberere Luft ausstoßen als sie einsaugen. Jeder braucht den Lkw, kaum einer will ihn, obwohl er ein sehr effizientes Transportmittel ist. Ein Lkw kann rund 25 Tonnen auf einer Strecke von 100 Kilometern transportieren und braucht dafür lediglich ca. 28 Liter Treibstoff. Die Bevölkerung muss wissen, dass die rot-weiß-rote Transportwirtschaft auf den regionalen Zulieferverkehr fokussiert ist. Etwa 84 Prozent des Inlandverkehrs findet in einem Radius von 80 Kilometern statt.
Der Ausbau der Bahn wurde zu lange vernachlässigt, die Wirtschaft und der starke Wettbewerb verlangt Schnelligkeit und Pünktlichkeit, weshalb die Verlagerung auf die Schiene oft nicht möglich ist. Dies sollte natürlich forciert werden, denn für Langstrecken ist die Schiene das beste Transportmittel!

Wie grün ist Ihre Firma?
Wir tun viel in diesem Bereich. Wir haben zum Beispiel für verschiedene Geschäftssegmente ­eigene IT-Lösungen programmieren lassen, um zu optimieren und so auch Emissionen zu sparen. Seit vielen Jahren haben wir außerdem eine Photovoltaik-Anlage auf einem der Firmengebäude. Daneben stellen wir unsere Flotte auf HVO100 um, und sobald die notwendige Infrastruktur vorhanden ist, werden wir auch das Thema Elektro-Mobilität im Terminalbetrieb ins Auge fassen. Des Weiteren unterstützen wir nachweislich Umweltprojekte.

Wenn Sie morgen zur neuen Verkehrsministerin gekürt werden würden, was würden Sie dann anders machen?
Ein politisches Amt steht auf meiner Wunschliste aktuell nicht unter den Top Ten. Ich habe Respekt vor dem Job, denn die Weiterentwicklung unseres Landes durch gute politische Entscheidungen ist sehr wichtig.
Aber wenn das Hypothetische eintreffen würde, dann würde ich zu allererst Dankbarkeit und Wertschätzung für die Güterbeförderungsbranche aussprechen, daran fehlt es seitens der Politik am meisten. Wir schaffen Mehrwert für die Wirtschaft und beschäftigen rund 84.000 Menschen in Österreich, davon entfallen knapp 11.000 auf die Steiermark.
In den letzten Jahren waren Transportunternehmen mit ­vielen Herausforderungen konfrontiert, zum Beispiel mit un­fairem Mitbewerb aus dem benachbarten Ausland oder steigenden Lohn- und Treibstoffkosten. Als erster Schritt in die richtige Richtung könnte die ­Politik genauer hin­sehen und sich mit den Herausforderungen der Branche auseinandersetzen, denn vorwärts kommt man nur gemeinsam.


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