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Logistikwelt im radikalen Wandel

Nach einer pandemiebedingten zweijährigen Pause fand heuer der 37. BVL-Logistik-Dialog statt. Logistiker und Verlader diskutierten über neue Logistik-Strategien in unsicheren Zeiten.

von: Josef Müller

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause fand Ende Juni in Wien der diesjährige 37. Logistik-Dialog der österreichischen Bundesvereinigung Logistik statt, in dessen Umfeld sich in bewährter Form auch zahlreiche Logistik-Unternehmen im Rahmen einer Ausstellung beteiligten. Der Zuspruch interessierter Teilnehmer war groß, ebenso das Bedürfnis wieder von Angesicht zu Angesicht mit Geschäftspartnern und Kunden ins Gespräch zu kommen. „Empowerment for future“ lautete das Motto des diesjährigen Dialogs, der im Office Park am Wiener Flughafen über die Bühne ging. Das Motto ist hochaktuell, denn die Welt befindet sich derzeit im radikalen Wandel. Die Rede ist von der Zeitenwende und das gilt sowohl für die Logistik-Branche als auch für die verladene Wirtschaft, die sich nach der Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine in vielerlei Hinsicht völlig neu orientieren muss. Neue Strategien müssen in möglichst kurzer Zeit entwickelt werden, um Warenströme einigermaßen im sicheren Fahrwasser halten zu können.

Um die Logistik gegen aktuellen Krisen resilienter zu machen, braucht es neue strategische Ansätze und muss die Logistik neu gedacht und anders bewerkstelligt werden, erklärte BVL-Präsident Roman Stiftner in seiner Eröffnungsansprache. „Wir brauchen dringend eine Unabhängigkeit von Russland und wir müssen uns mit den Mängeln auf den Rohstoffmärkten auseinandersetzen“, so Stiftner. Unternehmer und Logistiker treibt die Sorge um die beinahe täglich steigenden Kosten für Treibstoff, Energie und Personal um, dazu kommen noch die Herausforderungen mit Fokus auf 2050, wenn bis dahin Europa CO2-neutral werden soll. Die Globalisierung ist dabei, langsamer zu werden, die Trends zeigen in Richtung Rückholung von Produktionen aus anderen Kontinenten nach Europa und künftig baucht es den viel stärkeren Einsatz von Automatisierung, um den evidenten Fachkräftemangel nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Logistik-Branche in den Griff zu bekommen. Stiftner: „Autarkie ist das Gebot der Stunde“, in diese Richtung sollten sich Unternehmen orientieren. Eine Autarkie ist in Krisenzeiten nicht so leicht zu schaffen, bedenkt man die Verwobenheit bei den Lieferketten und dabei beispielsweise an die explodierenden Frachtpreise bei Containertransporten rund um den Globus. 

Einkäufer in Unternehmen sollten sich nicht mehr nur auf einen Lieferanten verlassen, zu groß sei die Gefahr, dass die Lieferkette notleidend wird, gab Paolo Bisogni, Präsident der European Logistics Association beim BVL-Dialog zu bedenken. Daher besser mehrere Lieferanten suchen und bei der Gestaltung der Logistik-Kette sicherheitshalber einen Plan B in der Schublade vorrätig haben. Lagerhaltung erlebt eine Renaissance, lokale Produktion ist wieder im Kommen. Die logistische Nähe zu lokalen Märkten ist mehr denn ja wieder gefragt, so Bisognis Einschätzung. Kurze Transportwege sind nicht nur überschaubarer und leichter dirigierbar, sondern auch den ambitionierten Klimazielen zuträglich. 

Klare Strategien
Resilienz braucht eine klare Strategie und sie muss alle potenziellen Risiken vom Lieferanten über die Produktion bis zum Kunden berücksichtigen, betonte Radim Lenort von der Škoda Auto University. Der Autohersteller Škoda hat während der Pandemie rasch reagiert und Produktionen unter den Produktionsstandorten flexibel verschoben sobald ein Liefer- oder Personalproblem an einem Standort auftauchte. Blockchain und Big Data haben dabei geholfen, die Resilienz-Strategie erfolgreich praktisch umzusetzen. Sandra Luger, geschäftsführende Gesellschafterin von Gaisberg Consulting stellte die Frage: „Sind wir noch im Krisenmodus oder schon in der Phase der Transformation“? Unternehmen befänden sich derzeit noch teilweise in der Schockstarre, sind mit Trouble-shooting beschäftigt. Sie empfiehlt Unternehmen sich an Worst-Case-Szeanrien zu orientieren, um ihre Geschäfts- und Logistikprozesse resilient zu machen. Luger: „Wir brauchen in der politischen Debatte mehr Schwarzmalerei“, Österreicher seien es nicht gewohnt in Worst-Case-Szenarien zu denken und daraus Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel nannte sie das durchaus mögliche Szenario eines Blackouts oder Gaslieferstopps aus Russland. "Unternehmen sollten als erstes durchdenken, was in der ersten Stunde zu tun ist, wenn ein solcher Fall eintritt“, plädiert Luger. Optionen ausloten und keine Geheimniskrämerei betreiben gegenüber Mitarbeitern und Kunden, sonst wird alles noch schlimmer. Und sie erinnerte ausdrücklich daran: Beim Change vom Krisenmodus zur Transformation sollten Unternehmen nicht auf die Digitalisierung vergessen. 

Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik Deutschland, befürchtet ob der geopolitischen Ereignisse in Europa und weltweit eine Blockbildung zwischen der westlichen Welt und den Autokratien in anderen Weltgegenden. „Das hat Auswirkungen auf Werthaltungen und Wertschöpfungsketten und auf die Logistik natürlich auch“, so Wimmer. Europa ist beispielsweise zu 93 Prozent abhängig von Seltenen Erden aus China, Österreich zu 80 Prozent abhängig von Gas aus Russland. Das birgt ein hohes Risiko, wie die aktuelle Entwicklung zeigt. „95 Prozent der heutigen Containertansporte sind nicht planbar, Paletten sind heute dreimal so teuer wie vor einigen Monaten und auf den Lkw-Fahrermangel will ich erst gar nicht im Detail eingehen“, so Wimmer. Positiv reden über die gegenwärtigen Probleme sei vorbei, die Wahrheit sei den Menschen zumutbar. Seine Empfehlung: Europas Wirtschaft muss unabhängiger und gleichzeitig eigenständiger werden, eine Deglobalisierung sieht er aber nicht kommen. Wimmer: „Ja, wir befinden uns in einer Zeitenwende und in der Ohnmacht der Gegenwart können wir in Europa nur gemeinsam etwas bewegen“.


Einen ausführlicheren Nachbericht lesen Sie in der Ausgabe 31-35/2022 am 26. August 2022.


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