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„Es zählt jeder Euro!“

Foto: CARE Österreich
Die Politik muss mehr Finanzierung für die Auslandskatastrophenhilfe zur Verfügung stellen, fordert Barschdorf-Hager.
Foto: CARE Österreich

CARE Österreich hat allein im letzten Jahr über 80 Hilfsprojekte in 28 Ländern umgesetzt. Mit ihrem Report „Suffering in Silence“ wollen sie auf vergessene Krisen aufmerksam machen.

von: Bernd Winter

Andrea Barschdorf-Hager steht seit zehn Jahren als Geschäftsführerin an der Spitze von CARE Österreich, einer der größten heimischen Hilfsorganisationen. Weltweit betreut CARE International über 960 Projekte in 95 Ländern und hilft dabei 56 Millionen Menschen. Seit 2015 unterstützt die Wochenzeitung Verkehr die Aktivitäten von CARE Österreich.

Verkehr: Laut dem Global Humanitarian Overview 2019 waren im Vorjahr über 132 Millionen Menschen weltweit von Krisen und Katastrophen bedroht. Wie hat sich diese Zahl im letzten Jahrzehnt entwickelt?
Andrea Barschdorf-Hager:
Diese Zahl hat sich erhöht. Weltweit betreffen humanitäre Krisen mehr Menschen und sie dauern durchschnittlich auch länger an als je zuvor. Es sind auch bedeutend mehr Mittel nötig, damit Hilfsorganisationen alle Menschen in Not erreichen können.

Rund ein Viertel der von humanitären Krisen betroffenen Menschen leidet abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Welche sind die größten Krisen, die es 2018 am wenigsten in die Medien geschafft haben?
Barschdorf-Hager:
CARE veröffentlichte bereits zum dritten Mal in Folge einen Bericht über die zehn humanitären Krisen, die kaum Schlagzeilen gemacht haben: „Suffering in Silence“. Im aktuellen Bericht sind dies Haiti, Äthiopien, welches gleich mit zwei Krisen vorkommt, Madagaskar, die Demokratische Republik Kongo, die Philippinen, der Tschad, Niger, die Zentralafrikanische Republik und der Sudan. Haiti ist an erster Stelle gereiht, denn über diese vergessene Krise erschienen im Berichtszeitraum nur 503 Artikel.

Woran liegt es, dass es für diese Krisen kein mediales Interesse gibt?
Barschdorf-Hager:
Eine schier unüberschaubare Zahl an Krisen, erschwerter Zugang für Medien zu Krisengebieten, fehlende Finanzierung – es gibt viele Gründe, warum die internationale Gemeinschaft wegschaut. Die Medien spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie die Öffentlichkeit, humanitäre Helfer und internationale Organisationen auf Katastrophen reagieren. Daher freut es mich umso mehr, dass der Schwerpunkt der diesjährigen Kooperation mit der Wochenzeitung Verkehr auf diesen vergessenen Krisen liegt.

Was kann CARE Österreich gegen diese Krisen tun?
Barschdorf-Hager:
Als humanitäre Organisation arbeitet CARE unermüdlich daran, auch in schwierig zugänglichen Gebieten schnell und effizient Hilfe zu leisten. Menschen in Not zu unterstützen ist besonders dann schwierig, wenn die Weltöffentlichkeit wegschaut. Indem wir Reports wie „Suffering in Silence“ veröffentlichen, machen wir auf vergessene Krisen aufmerksam. Es gibt immer wieder Medienreisen in die Länder mit vergessenen Krisen.

Wie reagieren die von Ihnen damit konfrontierten Menschen auf den Report?
Barschdorf-Hager:
In Österreich zeigen die Menschen großes Interesse und Betroffenheit,  haben aber wenig Wissen über die diese Krisen. Es herrscht hier offensichtlich Aufholbedarf.

Was können Private bzw. Unternehmen tun?
Barschdorf-Hager:
Zahlreiche Unternehmen und Partner wie die Wochenzeitung Verkehr haben zum Erfolg von CARE-Projekten beigetragen und setzen mit ihrem Namen ein Zeichen für gesellschaftliches und soziales Engagement. Das CARE-Paket steht mittlerweile symbolisch für rasche Hilfe, Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit über die Kontinente hinweg.

Auf welche Projekte aus 2018 und 2019 sind Sie besonders stolz?
Barschdorf-Hager:
Wir sind sehr froh und dankbar, dass unzählige Österreicher die weltweiten Hilfsprojekte von CARE weiterhin so engagiert unterstützen. Wenn es darum geht, im Katastrophenfall Leben zu retten, zählt jeder Euro. Unsere langjährige Kooperationen mit der EU, der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, aber auch Unternehmen, Medien und prominenten Persönlichkeiten, die sich für CARE engagieren – all das macht unsere Hilfe möglich.

Nachdem es seit geraumer Zeit  „Fridays for Future“ gibt, eine Bewegung junger Leute, die (medial) auf das Thema Umweltschutz aufmerksam machen, wäre hier die Frage, ob eine Art „Mondays against Crisis“ nötig wäre?
Barschdorf-Hager:
Wir nutzen bereits die zahlreichen internationalen Tage für Events und Bewusstseinsbildung, um Aufmerksamkeit für Themen und Länder zu schaffen. Am Weltfrauentag gibt es etwa eine jährliche Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum, am Weltflüchtlingstag machen wir z.B. auf die Situation von flüchtenden Menschen aufmerksam.

Werden Sie von der heimischen Politik unterstützt?
Barschdorf-hager:
Hilfsgelder erhalten wir als nicht-religiöse, unpolitische sowie unparteiische Hilfsorganisation neben unseren Privatspendern einerseits von der EU und andererseits von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit.

Wenn Sie einen Wunsch an die heimische Politik frei hätten, wie würde er lauten?
Barschdorf-Hager:
Es braucht mehr Finanzierung für die Auslandskatastrophenhilfe, hier bleibt Österreich im internationalen Vergleich weit zurück. Auch die Jahrzehnte alte Zusage, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen, muss endlich in konkrete Schritte umgesetzt werden.

Sie stehen jetzt seit zehn Jahren an der Spitze einer der größten privaten Hilfsorganisationen. An welchen Moment denken Sie gerne zurück und was war besonders schwer?
Barschdorf-Hager:
Ich denke gerne an die zahlreichen und interessanten Begegnungen mit Spendern und Förderern unserer humanitären Arbeit zurück, aber auch an die vielen Menschen rund um den Globus, dank denen der Arbeit von CARE ganz konkret geholfen werden kann. Ich erinnere mich gerne an die Begeisterung, die die Ergebnisse humanitärer Arbeit bei Gebern, Spendern und Förderer aber auch bei den Menschen, denen CARE helfen kann, auslösen kann. Sei es der kleine Bub mit den verkrüppelten Beinen im Flüchtlingslager von Azraq in Jordanien, der Dank CARE erstmals eine Schule besuchen konnte oder die beiden kleinen Mädchen aus Äthiopien, die durch ein Kinderernährungsprogramm wieder zu essen bekommen haben – ich könnte diese Liste an Einzelschicksalen unendlich lang fortsetzen, so viele Bilder und Erinnerungen trage ich mit mir herum.

Es fällt mir bis heute sehr schwer zu sehen, was Menschen einander antun können. Die Bilder von durch Krieg zerstörten Ländern, die Gewalt, die nichts ändert sondern alles nur verschlimmert und die Aussichtslosigkeit, mit der z.B. die Kinder in Syrien und den Nachbarländern, die in ihrem jungen Leben nichts anders als Krieg und Gewalt gesehen haben, das ist wirklich schwer. Auch Verwüstungen nach Naturkatastrophen oder unzählige Flüchtlingsschicksale in allen Teilen der Welt sind schwer zu verarbeiten. Deshalb konzentriere ich mich stets auf das, was ich gemeinsam mit CARE und meinem engagierten Team positiv verändern kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wenn auch Sie spenden wollen, dann können Sie das hier machen.

 

Dieses Interview erscheint in der Ausgabe VK 46/2019.


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