Die European Rail Freight Association (ERFA) schlägt Alarm: Die zunehmende Kombination aus kurzfristigen Fahrplanänderungen, Streckensperren, unzureichenden Umleitungsstrecken und mangelnder grenzüberschreitender Koordination gefährde inzwischen nicht nur den Betrieb der Güterbahnen, sondern auch europäische Lieferketten und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Nach Einschätzung des Verbands haben viele Eisenbahnunternehmen ihre Belastungsgrenze erreicht.
Umleitungen werden zum Kapazitätsproblem
Besonders problematisch ist, dass vorhandene Ausweichstrecken häufig nur eingeschränkt für den Güterverkehr geeignet sind. Auf einzelnen Routen sind etwa Zuggewicht und -länge begrenzt. Andere Strecken weisen niedrige Geschwindigkeiten, starke Steigungen oder fehlende Elektrifizierung auf. Dadurch sinkt die transportierbare Menge, während Fahrzeiten und Kosten steigen.
Für die Eisenbahnunternehmen bedeutet das zusätzlichen Ressourcenbedarf. Längere Fahrzeiten erfordern mehr Lokomotiven und Personal, teilweise werden für Umleitungen andere Traktionsarten benötigt. Bereits eingeplante Elektrolokomotiven können dann beispielsweise nicht eingesetzt werden und müssen durch Diesellokomotiven ersetzt werden.
Hinzu kommt ein Kaskadeneffekt: Umgeleitete Züge treffen auf Strecken, die teilweise selbst bereits stark ausgelastet sind. Gleichzeitig können Baustellen auf der ursprünglichen Route und der vorgesehenen Umleitungsstrecke zusammenfallen. Im Extremfall stehen für Güterzüge damit keine betrieblich tragfähigen Alternativen mehr zur Verfügung.
Industrie und Lieferketten unter Druck
Die Folgen reichen laut ERFA inzwischen weit über die Bahnbranche hinaus. Betroffen seien unter anderem Lieferketten der Stahl-, Automobil- und Chemieindustrie sowie Transporte von Agrarprodukten und die Energieversorgung. Für viele dieser Verkehre könnten kurzfristig keine alternativen Kapazitäten in vergleichbarem Umfang bereitgestellt werden.
Der Verband warnt deshalb vor einer dauerhaften Rückverlagerung von Transporten auf die Straße. Haben Verlader ihre Logistik erst auf alternative Straßentransporte umgestellt, könnten diese Mengen für die Schiene dauerhaft verloren sein. Das würde zugleich den europäischen Zielen zur Verkehrsverlagerung entgegenlaufen.
Vier Forderungen an Europa
Um gegenzusteuern, fordert die ERFA vier kurzfristige Maßnahmen. Infrastrukturbetreiber sollen die Auswirkungen geplanter Arbeiten auf den Güterverkehr früher berücksichtigen und größere Eingriffe möglichst in nachfrageschwächere Zeiträume legen. Zugleich müsse der Austausch mit Eisenbahnunternehmen verbessert werden.
Bei grenzüberschreitenden Korridoren sollen Infrastrukturbetreiber ihre Baustellen stärker untereinander abstimmen. Arbeiten auf Haupt- und Alternativrouten sollten nach Möglichkeit nacheinander statt gleichzeitig stattfinden.
Darüber hinaus fordert die ERFA finanzielle Entlastungen für Güterbahnen, die durch längere Umleitungsstrecken zusätzliche Trassenkosten tragen müssen. Dafür nennt der Verband unter anderem reduzierte Trassenentgelte und Förderprogramme.
ERFA: Verbesserungen können nicht bis 2031 warten
Besondere Dringlichkeit sieht der Verband bei der Umsetzung europäischer Reformen. Schienengüterverkehrsunternehmen und Verlader könnten nicht bis zum Fahrplan 2031 warten, bis Verbesserungen durch die neue EU-Kapazitätsverordnung greifen. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Belastung seien bereits jetzt konkrete Fortschritte notwendig.
Damit richtet sich der Appell nicht allein an Infrastrukturbetreiber. ERFA fordert Eisenbahnunternehmen, Behörden und Korridorkoordinatoren zu einem gemeinsamen Vorgehen auf. Entscheidend wird aus Sicht des Verbands sein, ob die Modernisierung des Netzes so organisiert werden kann, dass sie den laufenden Schienengüterverkehr nicht weiter an Wettbewerbsfähigkeit kostet.
