„Baustellen nerven zwar, sind für eine funktionierende Infrastruktur aber unerlässlich“, sagt Hufnagl. (Foto: ASFINAG)
Die ASFINAG sagt: „Baustellen vergehen, Fortschritt bleibt.“ Warum ist es denn so schwierig geworden, Akzeptanz für Infrastrukturbaustellen zu schaffen?
Unser Erhaltungsaufwand steigt durch die Netzalterung enorm, und damit auch die Häufigkeit von Baustellen und Einschränkungen. Wir investieren viel in abfedernde Maßnahmen. Dennoch zeigt sich, dass das Bewusstsein für die Alternativlosigkeit von Erneuerungen auch unter wichtigen Stakeholdern oft wenig vorhanden ist.
Ich persönlich glaube, dass das mit einer gewissen Grundlarmoyanz in unserer Gesellschaft zu tun hat. Als nachhaltiger Mobilitätspartner sind uns Dialog und Transparenz aber sehr wichtig. Daher gehen wir sehr offensiv mit dem Thema um und haben unter anderem die Kampagne „Baustellen vergehen – Fortschritt bleibt“ gestartet. Damit wollen wir Bewusstsein dafür schaffen, dass Baustellen zwar nerven, für eine funktionierende Infrastruktur aber unerlässlich sind.
Sie planen bis zu 15 Jahre im Voraus. Wie schwierig wird langfristige Infrastrukturplanung in einer Zeit permanenter Krisen und politischer Richtungswechsel?
Die Erstellung unseres Bauprogramms ist tatsächlich die Königsklasse der Infrastrukturplanung. Das Motto lautet: Bevor die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet ist, gilt es, Sanierungen einzuleiten. Da wir mit unseren Mauteinnahmen auf gesunden wirtschaftlichen Beinen stehen, ist das eine bewältigbare Herausforderung.
Verkehrspolitische Richtungsentscheidungen wird es immer geben. Dass große Verschiebungen beim Streckenneubau Anpassungen bei Planungen, Prognosen, Kostenschätzungen und Auflagen aus Genehmigungsverfahren mit sich bringen, ist ein Faktum, mit dem wir aber gut umgehen können.
Welche Infrastrukturprojekte sind aus Sicht der ASFINAG aktuell am dringendsten?
Am dringendsten sind immer jene Projekte, bei denen unsere Experten aus dem Erhaltungsbereich gemäß dem Schulnotenprinzip ein „Genügend“ für den Zustand eines Tunnels oder einer Brücke feststellen. Dann besteht Handlungsbedarf.
Ein großes Beispiel ist die 2027 startende Generalerneuerung von Tauern- und Katschbergtunnel an der A 10 Tauernautobahn. Mit rund 700 Millionen Euro Investitionsvolumen ist das unser bislang größtes Erhaltungsprojekt. Der Neubau der deutlich in die Jahre gekommenen Luegbrücke auf der Brennerautobahn in Tirol gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Baustellen sind für Verkehrsteilnehmer oft herausfordernd, für Ihre Mitarbeitenden ist das Arbeiten auf der Straße nicht ungefährlich.
Arbeitssicherheit ist das Um und Auf – von regelmäßigen Schulungen über die korrekte Schutzbekleidung bis hin zu Innovationen. Wir testen derzeit ein KI-basiertes System: Eine Kamera erkennt Fahrzeuge ab etwa 300 Metern Entfernung, die Künstliche Intelligenz analysiert deren Fahrweg und warnt rechtzeitig vor einer möglichen Kollision.
Das Arbeiten nur wenige Meter neben dem Verkehr ist und bleibt jedoch gefährlich. Unsere aktuelle Kampagne „Danke, dass du auf meine Mama/meinen Papa aufpasst“ soll Lenker wieder verstärkt sensibilisieren. Botschafter sind die Kinder unserer ASFINAG-Mitarbeitenden. Sie verdeutlichen emotional, dass hinter allen Tätigkeiten auf den Autobahnen und Schnellstraßen Menschen stehen, die für die Allgemeinheit im Einsatz sind – Menschen, die wieder sicher zu ihren Familien nach Hause kommen wollen.
Wo sehen Sie derzeit die größten Risiken für die Verkehrssicherheit auf Österreichs Autobahnen?
Das ist seit Jahren unverändert das Thema Ablenkung und Unachtsamkeit – die Nummer eins unter den Unfallursachen. Und das steht klar im Zusammenhang mit dem verbotenen Hantieren mit dem Smartphone hinter dem Steuer.
Kann moderne Infrastruktur Fahrfehler künftig stärker kompensieren?
Die Verantwortung am Lenkrad wird immer bleiben. Laufende Entwicklungen bei Fahrerassistenzsystemen leisten aber genauso einen wichtigen Beitrag wie künftig sogenannte kooperative Systeme. Vereinfacht gesagt werden dabei Informationen aus Fahrzeugen – etwa abrupte Bremsmanöver oder plötzliche Staubildung – sofort an die Infrastruktur weitergegeben. Nachfolgende Lenker können dadurch punktgenau gewarnt werden. Wir stellen auf unserem Netz die entsprechende WLAN-Technologie zur Verfügung. In absehbarer Zeit wird die Straße also mit den Fahrzeugen „sprechen“.
Wie viel Digitalisierung steckt heute bereits in Österreichs Autobahnen, ohne dass Autofahrer das überhaupt bemerken?
Enorm viel. Unsere flächendeckende Sensorik, die wiederum die Datengrundlage für die Verkehrssteuerung liefert, wird von den Verkehrsteilnehmenden kaum wahrgenommen.
Das gilt ganz besonders für die Tunnel, die voller Hightech stecken: Trübsichtmessung, intelligente Gefahrengeräuscherkennung oder Geisterfahrerdetektion. Die Handgriffe von Fluchttüren und Notrufnischen sind genauso in die nächstgelegene Verkehrsmanagementzentrale eingebunden wie Induktionsschleifen in Buchten. Sobald etwas passiert, wird automatisch Alarm ausgelöst und das entsprechende Kamerabild auf den Monitoren der Verkehrsmanagementzentrale angezeigt.
Welche Rolle spielen KI, Verkehrssteuerung und Daten für die Autobahn?
Die entscheidende Rolle. Intern lautet unser Motto dazu: „g’scheiter statt breiter“. Mithilfe von Datenverarbeitung und KI können wir den Verkehr dosieren, Umleitungsempfehlungen abgeben oder Tempolimits anpassen und damit die vorhandenen Kapazitäten bestmöglich nutzen.
Unser wegweisendes Pilotprojekt ist das sogenannte „Multifunktionale Transitmanagement A 10“. Die Tauernautobahn ist über das gesamte Jahr betrachtet keineswegs überlastet, während der starken saisonalen Reisewellen jedoch sehr wohl. Genau für diese Tage wollen wir durch intelligente Verkehrslenkung in Kombination mit verstärkter Überwachung ab Sommer 2027 die Stausituation verbessern.
Die Wirtschaft fordert immer mehr Verlässlichkeit. Wie groß ist der Druck auf die ASFINAG, trotz Sanierungen einen möglichst reibungslosen Güterverkehr sicherzustellen?
Zur Verlässlichkeit gehört auch die langfristige Bereitstellung eines verkehrssicheren und nachhaltigen hochrangigen Straßennetzes. Das geht nicht ohne Sanierungen oder ohne ausreichende Rastmöglichkeiten. Wie bei allen verkehrlichen Themen wird es grenzüberschreitende Lösungen brauchen. Wir arbeiten schon jetzt eng mit allen Verkehrsträgern sowie den Infrastrukturorganisationen in den Nachbarländern zusammen.
Der Ausbau von Echtzeitdaten und offenen Mobilitätsdatenplattformen sowie eine stärkere Vernetzung mit Navigations- und Flottensteuerungssystemen sind aus Sicht der ASFINAG unerlässlich. Davon profitiert insbesondere die Logistikbranche und damit die Frächter maßgeblich.
Wie oft stehen Sie selbst im Stau und denken: Das hätten wir besser lösen können?
Oft genug – ich bin ja knapp 100.000 Kilometer im Jahr unterwegs. Da entwickelt man natürlich einen besonders kritischen Blick und ein genaues Auge für Details.
In Wahrheit sind es aber meist nur Details, denn unser Baustellenmanagement funktioniert wirklich gut. Das betrifft beispielsweise Beschilderungen, farblich aufgelöste und intuitive Zielanzeigen, Umleitungsempfehlungen oder maßgeschneiderte Kommunikation mit wertvollen Hinweisen. Eine Baustelle ist immer im Wandel, und auf die erste Beobachtungsphase folgen bei Bedarf Nachbesserungen. Bei den rund 300 Baustellen, die wir als ASFINAG jährlich abwickeln, sind wir bei Planung und Umsetzung im europäischen Vergleich jedoch bereits sehr gut aufgestellt.
