Die Handelsbeziehungen zwischen Österreich und den USA sind durch eine hohe technologische Spezialisierung geprägt. | © Roberto Sorin/Unsplash
Die neue US-Sicherheitsstrategie stuft Handelsabhängigkeiten erstmals explizit als nationales Sicherheitsrisiko ein und erhöht damit den Druck auf die Europäische Union. Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) analysiert nun erstmals umfassend, in welchen Bereichen Österreich und die EU besonders stark von US-Importen abhängig sind.
Die Studie basiert auf einem eigens entwickelten Indikatorensystem, das rund 6.000 Produktkategorien anhand bilateraler Handelsdaten der Jahre 2022 und 2023 bewertet. Dabei werden auch indirekte Abhängigkeiten berücksichtigt, die in vielen bisherigen Analysen unberücksichtigt blieben.
Hohe Verwundbarkeit bei biomedizinischen Produkten
Besonders kritisch ist die Lage bei medizinischen Vorprodukten für die Arzneimittelherstellung. Österreich ist hier stark von US-Importen abhängig, insbesondere bei Impfstoffen, Antiseren und Blutprodukten (Importwert: 1,8 Mrd. USD) sowie bei Spezialhormonen und biotechnologischen Wirkstoffen (580 Mio. USD). Zusammen weisen diese Produktgruppen das höchste Importvolumen (2,38 Mrd. USD) auf und sind für die medizinische Versorgung unverzichtbar.
„Die größten Abhängigkeiten bestehen bei medizinischen Vorprodukten für die Arzneimittelherstellung. Hier treffen hoher Bedarf, komplexe Produktionsprozesse, indirekte US-Abhängigkeiten und eine geringe Zahl internationaler Anbieter aufeinander. Die dadurch entstehenden Risiken für Versorgungssicherheit und Gesundheitswesen machen Österreich besonders verwundbar“, erklärt Peter Klimek, Direktor des ASCII.
Die Herausforderung: Viele dieser Produkte werden weltweit nur von wenigen US-Herstellern produziert. Zwar existieren teilweise europäische Alternativen, doch Zulassungsverfahren sind komplex und ein Anbieterwechsel dauert häufig mehrere Jahre.
EU: Starker Anstieg der Abhängigkeiten gegenüber China und den USA
Die Handelsabhängigkeiten der EU haben seit 2007 deutlich zugenommen. Am stärksten ist der Anstieg gegenüber China, vor allem bei Produkten für die grüne Transformation, gefolgt von den USA, insbesondere bei Dual-Use-Gütern wie Halbleitern oder Kommunikationsausrüstung.
Aktuell bestehen die größten Abhängigkeiten der EU gegenüber den USA bei 203 Produktgruppen mit hohem Importvolumen und eingeschränkten Ausweichmöglichkeiten. Dazu zählen unter anderem Sojabohnen, Nüsse, Diesel-Plug-in-Hybridmodelle sowie Erze und Molybdän-Konzentrate, die für die Stahl- und Chemieindustrie essenziell sind.
Österreich und USA: Technologische Verflechtung mit Risiken
Die Handelsbeziehungen zwischen Österreich und den USA sind durch eine hohe technologische Spezialisierung geprägt. Während Österreich hochinnovative Investitionsgüter wie Präzisionsmaschinen und Halbleitertechnologien exportiert, ist die heimische Wirtschaft bei pharmazeutischen Wirkstoffen, Spezialchemikalien und ausgewählten Hightech-Komponenten stark von Importen aus den USA abhängig.
„Beide Länder sind auf hochspezialisierte Schlüsselprodukte des jeweils anderen angewiesen. Genau diese enge technologische Verzahnung schafft Verwundbarkeiten – besonders dort, wo Alternativen fehlen und Produktionsumstellungen Jahre dauern“, erklärt Klaus Friesenbichler, Studienautor und Vizedirektor des ASCII.
Hohe Importmengen, aber geringeres Risiko bei Rohstoffen
Weniger kritisch, trotz hoher Importvolumina, sind Rohstoffe wie Anthrazit-Kohle und Roheisen sowie Industriegüter wie Halbleiteranlagen, Passagierflugzeuge, PKWs und Elektrofahrzeuge. Diese Produkte sind global breiter verfügbar und im Krisenfall leichter ersetzbar oder durch Lagerhaltung abzusichern.
Derisking statt Abschottung
Zur Reduktion kritischer Abhängigkeiten empfiehlt die Studie einen maßgeschneiderten Maßnahmenmix: die Diversifizierung von Lieferquellen, den Aufbau europäischer Produktionskapazitäten, technologische Alternativen sowie strategische Reserven für schwer ersetzbare Rohstoffe. Besonders in der Halbleiter- und Elektronikindustrie seien langfristige, europäisch koordinierte Strategien notwendig.
„Wir brauchen ein gezieltes Derisking – also das Absichern kritischer Bereiche, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA zu kappen. Dafür ist mehr Transparenz entlang der Lieferketten entscheidend, denn viele Risiken entstehen dort, wo man sie nicht sieht. Nur mit belastbaren Daten und vorausschauenden Strategien können Österreich und die EU ihre strukturellen Abhängigkeiten wirksam reduzieren“, schließt Markus Gerschberger, Studienautor und Vizedirektor des ASCII.
