Wettbewerb braucht freie Bahn

14.10.2026 | Bahnlogistik, Schiene

Die Liberalisierung hat Europas Bahnmarkt geöffnet, doch technische Hürden und knappe Kapazitäten bremsen die Branche. Beim Herbstfest des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen Österreich in Seggau ging es darum, was die Schiene jetzt voranbringen muss.

Seit 26 Jahren ist auch der österreichische Bahnmarkt liberalisiert: Private Bahnunternehmen aus dem In- und Ausland können auf dem ÖBB-Schienennetz im Personen- und Güterverkehr Züge fahren. Diese Wettbewerbsfreiheit sieht Heinrich Juritsch, Obmann des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen Österreich (NEEÖ), als eine Erfolgsgeschichte, wenngleich die Rahmenbedingungen für alle Bahnakteure sowohl in Österreich als auch in Europa gerade im Güterverkehr nicht gerade rosig sind.

365 Milliarden Brutto-Tonnenkilometer spulten Europas Bahngesellschaften im Vorjahr im Güterverkehr ab, um zehn Prozent weniger als in den Jahren zuvor. In Österreich kommen die ÖBB aktuell auf einen Marktanteil von 38 Prozent, die privaten Mitspieler auf 62 Prozent. Diese Anteile beziehen sich auf Ganzzugverkehre, wie Juritsch betonte.

Mit Fachvorträgen wurden im Rahmen eines Herbstfestes am 8. Oktober auf Schloss Seggau in der Südsteiermark die aktuellen Entwicklungen im Bahnbereich ausgeleuchtet. Die Perspektiven nehmen sich allerdings eher nüchtern aus, wenn man auf das Tempo der technischen Entwicklung blickt: Diese konnte mit den bisherigen Fortschritten der Liberalisierung nicht mithalten.

Wettbewerb und Investitionen

Nach Einschätzung von Christian Kern, Geschäftsführer der Lok-Leasing-Group ELL, können große Staatsbahnen angesichts klammer Kassen kaum noch in rollendes Material investieren und tendieren daher zum Leasing von Loks. ELL mit seinen derzeit 335 verfügbaren Loks liegt Kerns Aussagen zufolge bei der geschäftlichen Entwicklung über dem Branchendurchschnitt – nicht zuletzt wegen der starken Investoren im Hintergrund. Staatsbahnen haben mit sinkendem Gütergeschäft zu kämpfen, während private Mitbewerber immer stärker zulegen. Kern: „Wir ermöglichen Wettbewerb und davon profitieren sowohl staatliche als auch private Bahngesellschaften“.

In Deutschland ist der Anteil der Bahn am Modal Split auf zuletzt 20 Prozent gesunken, wobei Einzelwagenverkehre 18 Prozent und Ganzzugverkehre 82 Prozent des Schienengüterverkehrs ausmachen. Professor Kay Mitusch vom Institut für Technologie in Karlsruhe sieht den Einzelwagenverkehr in Deutschland weiter schrumpfen, mit sehr tristen Aussichten für DB Cargo. Fällt der Marktanteil unter 20 Prozent, droht DB Cargo die Zerschlagung. Ein großes Problem sieht der Experte in der europaweit mangelnden Innovationsfreudigkeit im Bahnbereich, die verschiedene Ursachen hat. Hohe Forschungs- und Entwicklungskosten sowie Systemkosten sind die großen Bremser.

Hürden im Kombinierten Verkehr

Karl Schauer, bei Lkw Walter für das Intermodal-Geschäft zuständig, berichtet von Missverständnissen und bösen Überraschungen beim Einstieg seines Unternehmens in den Kombinierten Verkehr Schiene–Straße. Schauer: „Wir nahmen an, dass der Fahrermangel den Kombi-Verkehr attraktiver machen wird“. Weit gefehlt: Der Lkw ist bei allem Zuspruch für die Bahn schlichtweg nicht wegzudenken.

Lkw Walter fertigt täglich bis zu 10.000 Ladungen auf Schiene und Straße quer durch Europa ab, zwei Drittel auf der Straße, ein Drittel auf der Schiene. „Wir wollen noch mehr auf die Schiene verlagern und befinden uns im laufenden Verbesserungsprozess was die Kombination beider Verkehrsträger betrifft“. Die Komplexität des Systems Bahn und das Fixkostendilemma erwiesen sich als böse Überraschungen. Lkw Walter lässt seine Bahnverkehre primär von kleineren Bahngesellschaften traktionieren, weil diese flexibler als große agieren können.

Mehr Ordnung im Netz

ÖBB-Infra-Vorstandsmitglied Johann Pluy plädierte für mehr Ordnung auf dem Netz. Man müsse die vorhandenen Kapazitäten neu schlichten, denn der Güterverkehr drohe gegenüber dem steigenden Personenverkehr ins Abseits zu rollen. Pluy: „Wir hoffen auf eine Kapazitätsregulierung auf europäischer Ebene“, also auf eine Art Widmungsplan für Europas Schienennetz. Dieser werde kommen, und das NEEÖ sollte sich diesen genau anschauen und dazu Stellung beziehen – ebenso wie zu anderen geplanten Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene.

Pluy: „Europa tut sich sehr schwer das System Bahn zu simplifizieren und daher braucht so dringend mutige Entscheider mit politischem Gewicht, um für ganz Europa geltende technische Standards zu schaffen“. Es gelte, die Rahmenbedingungen zu definieren, innerhalb derer technische Projekte dann auch konkret umgesetzt werden. Die ÖBB-Infra arbeitet derzeit an der Einführung einer zentralen Dispositionsstelle für den Güterverkehr.

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