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Was folgt auf die Digitalisierung?

Foto: Bernd Winter
"Oft kommt die junge Generation mit einer teilweisen Naivität und Leicht­sinnigkeit daher, was auch sein Gutes hat. Wir brauchen aber die Weisheit und Erfahrung der Älteren", sagt Anders Indset (li.) im Gespräch mit Bernd Winter.
Foto: Bernd Winter

Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph aus Norwegen, versucht herauszufinden, wie der Mensch den ökologischen Kollaps vermeiden kann. „Wir müssen die Wirtschaft neu denken“, ist er überzeugt.

von: Bernd Winter

„Menschen entwicken sich von Verbrauchern zu Benutzern. Die Kreislaufwirtschaft wird dabei an Bedeutung gewinnen“, ist der norwegische Wirtschaftsphilosoph Anders Indset überzeugt. Die Kreislaufwirschaft ist ein ­Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Ressourcen so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufge­arbeitet und recycelt werden. Auf diese Weise wird der ­Lebenszyklus der Produkte verlängert. „Dafür wird in Zukunft der Hersteller verantwortlich sein. Hier liegt noch viel Potenzial“, so Indset. „Dafür braucht es auch ein neues Denken“, fügt er hinzu.

In seinem ­bemerkenswerten Vortrag beim heurigen Leobener Logistik Sommer stellte Indset dem Pu­blikum die Frage, was nach der Digitalisierung komme? Für ihn sind die folgenden Punkte wichtig, um für die Zukunft gerüstet zu sein:

1. Viele Menschen fühlen sich durch die Digitalisierung verunsichert. Wir brauchen ein „why“, einen Sinn in unserem Leben, um damit umgehen zu lernen.
2. „Change (Wandel)“ gelingt durch Innovation und Denken. Indset propagiert in diesem ­Zusammenhang, eine eigene Denkstunde pro Woche in den Schulen einzuführen, um u. a. zu lernen, Dinge aus einer ­anderen Perspektive zu sehen.
3. Inhaltslose Unterhaltungen müsse man unterlassen; „bye bye blablaland“ nennt es Indset.
4. Neugier ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
5. Softskills sind hardskills. Es ist wichtig, Gefühle zu zeigen und Vertrauen aufzubauen. Verletzlichkeit kann die Geburtsstunde von Innovation sein.
6. Man braucht Mut, um etwas Neues zu beginnen.

Am Rande des Leobener Logistik Sommers hat Verkehr Indset zu seiner Philosophie befragt.

Verkehr: Dass wir ein Umdenken benötigen, ist klar. Besteht aber die Hoffnung, dass sich u. a. die Großkonzerne ändern? Dort ist die junge Generation noch nicht in den obersten Führungsebenen angelangt.
Anders Indset:
Ich sehe schon, dass viele Führungskräfte immer mehr hinterfragen. Sie stehen sich aber oftmals selbst im Weg, sind verunsichert und über­spielen dies. Das geht aber heute nicht mehr, da jeder ­jederzeit alle Informationen hat. In der Geschichte waren, um Authorität ausüben zu können, zuerst Muskeln wichtig. Danach war es Wissen. In Zukunft wird es Herz sein, davon bin ich ­felsenfest überzeugt; d. h., ­Leadership auf allen Unter­nehmensebenen – es gibt kein oben und kein unten. In Zukunft wird das Projektgeschäft im ­Mittelpunkt stehen, d. h., wir sind nur so erfolgreich wie das Projekt. Nach Abschluss wandern die Mitarbeiter in ein neues Projekt. Das spüren natürlich nun auch zunehmend die Führungskräfte und Vorstände. Ich kenne einige Industrieunter­nehmen, die von der klassischen Hierarchie abkommen. Das macht mir Hoffnung.

Projekte brauchen aber Führung. Wie funktioniert dies, wenn alle auf der gleichen Ebene sind?
Indset:
Die Technologie kann hier viel Management, Steuerung und Entscheidungsfindung für einfache Bereiche übernehmen. Eine gewisse Stabilität und Ordnung ist schon wichtig, aber wir müssen auch ein wenig Chaos zulassen. Oft kommt die junge Generation mit einer teilweisen Naivität und Leicht­sinnigkeit daher, was auch sein Gutes hat. Wir brauchen aber die Weisheit und Erfahrung der Älteren. Wichtig ist hier, dass sich die Generationen auf ­Augenhöhe begegnen, das ­eigene Handeln begründen und darüber offen diskutieren. Da­raus kann gemeinsames Lernen entstehen. Das ist dann eine ganz andere Ausgangssituation für die Zusammenarbeit. Jeder, der etwas delegiert bekommt aber den „Sinn“ davon nicht versteht, wird es nicht tun. Nur wenn wir gemeinsam das „Warum“ ver­stehen, werden wir erfolgreich sein.

Die Digitalisierung ist speziell in China fortgeschritten, man denke an das Sozialkredit-­System, bei dem die Bevöl­kerung durch die Vergabe von Punkten für gutes Verhalten belohnt und für negatives ­bestraft wird. Braucht es hier Regulierungen?
Indset:
Wir müssen in Europa ­einen eigenen Weg gehen. Wir könnten als Europäer zwischen dem amerikanischen Individualismus und dem chinesischen Algorithmus eine Brücke bauen, indem wir Vertrauen, Weitsichtigkeit und Verstand in neuen Technologien (wie der Quantenforschung) einsetzen, weil wir verstehen, was einen Menschen ausmacht. Wenn wir aber davon keine Wahrnehmung ­haben (wie bei der Künstlichen Intelligenz), dann gibt es dies auch nicht. Für uns Menschen ist es aber wichtig, dass wir ­etwas spüren, fühlen und ein Bewusstsein haben. ­Daher ­dürfen wir uns von Algorithmen und KI nicht beherrschen lassen. Die Gefahr besteht, dass das chinesische Sozialkredit-System in weiterer Folge von Afrika bzw. Indien übernommen wird. Dann würde eine Datenbank mit über vier Milliarden Menschen entstehen. Davor habe ich mehr Angst, dass nämlich dann eine Sogwirkung auch auf alle anderen Länder bzw. Regionen entsteht.

Sie finden, dass wir ein neues Betriebssystem für unsere ­Wirtschaft benötigen. Welche Schritte braucht es, um dorthin zu kommen?
Indset:
Wir brauchen eine Bewusstseinsrevolution, eine echte Aufklärung. Wir müssen verstehen, dass das, was wir hier auf dem Planeten an ­Ressourcen ­haben, endlich ist. Wir brauchen die Kreislaufwirtschaft. Wir dürfen uns nicht blind auf com­putergenerierte Informationen verlassen.

Wie wird Ihrer Meinung nach Europa 2030 aussehen?
Indset:
Ich hoffe, dass dann Englisch als erste Sprache in ­allen europäischen Ländern ­gelehrt wird. Eine gemeinsame Sprache ist für das gegenseitige Verständnis essenziell. Deshalb funktioniert auch Indien, trotz der rund 1.600 verschiedenen Landessprachen, weil in der Wirtschaft und der Politik nur Englisch gesprochen wird. Ich glaube, dass das auch in Europa Erfolg haben kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Dieses Interview erschien ursprünglich in der Ausgabe VK 49-52/2019.


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