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„Souverän ist es, Lösungen zu ­entwickeln, ohne zu jammern“

Foto: FH OÖ
Als Logistiker braucht man Fachkompetenz und den Mut, Entscheidungen zu treffen, um souverän zu sein – und es auch zu bleiben, sagt Staberhofer
Foto: FH OÖ

Franz Staberhofer, Obmann des Vereins Netzwerk Logistik (VNL), erklärt im Interview mit Verkehr wie Logistiker in unserer schnelllebigen Zeit souverän werden und es auch bleiben können.

von: Bernd Winter

Am 27. Juni 2019 findet wieder der traditionelle Österreichische Logistik-Tag des Vereins Netzwerk Logistik (VNL) im Design Center in Linz statt. Einen Tag vorher beginnt bereits das Logistik-Future Lab, dass am Abend mit der Vergabe des Österreichischen Logistik-Preises 2019 endet. Auch heuer erwartet die Besucher ein vielfältiges Vortragsprogramm, dass die neuesten Trends und Entwicklungen in der Supply Chain und der Logistik aufzeigt. Deshalb hat sich Verkehr mit Franz Staberhofer getroffen und mit ihm über die Schwerpunkte gesprochen.

Verkehr: Das Motto des heurigen Österreichischen Logistik-Tags lautet „souverän bleiben“. Wie sind Sie auf diesen Titel gekommen?
Franz Staberhofer:
Wir haben „souverän bleiben“ in zweifacher Hinsicht gemeint: zum einen als Person, als Individuum, und zum anderen als Unternehmen souverän zu werden und es zu bleiben. Das Ausmaß der realen und herbeigeredeten Veränderungen macht es oftmals schwierig, souverän zu bleiben. Wir versuchen, hier einen Beitrag zu liefern, das darzustellen, was sich wirklich ändert und worauf man reagieren kann, und jene Themen aufzuzeigen, über die nur viel geredet wird, aber in Wirklichkeit nichts dahintersteckt. Am Logistik-Tag selbst wollen wir konkrete Beispiele zur Erlangung der eigenen Souveränität aufzeigen. Am Tag zuvor wollen wir beim Future Lab die oberflächliche ­Betrachtung von Technologien durchbrechen, die wesentlichen Kernpunkte herausarbeiten und den Nutzen für die Disziplin ­Logistik darstellen.

Wann ist man Ihrer Meinung nach souverän?
Staberhofer:
Souverän bin ich, wenn ich zeige, wie ich meinen eigenen Weg definiere, in meiner höchstpersönlichen Wahrnehmung planvoll visionär und mutig. Frei nach dem Motto „Ich singe nicht das Lied nach, das vorgesungen wird.“ Ich denke, dass Sie mir diese Frage zum Beispiel 2005 nicht gestellt hätten. Damals hätte ich aber geantwortet, dass man sich, um souverän zu sein, vorab einen Überblick über seine gegenwärtige Situation und Zukunft verschaffen und dann, darauf aufbauend, eine Strategie und den dazu passenden Weg entwickeln muss. Das war damals allen klar. Nach 2008 folgte ein Jahrzehnt, in dem die Einstellung „auf Sicht fahren“ vorherrschend war und auch noch immer ist. Zusätzlich wird darüber nun auch noch die Wolke von realen und Pseudo-Technologien gestülpt – damit wird es noch diffuser. Hier fällt es schwer, den Durchblick zu behalten.

Welche Technologien meinen Sie damit beispielsweise?
Staberhofer:
Hier wären Begriffe wie Blockchain, Industrie 4.0 oder Big Data zu nennen. Es gibt in diesem Bereich auch bei uns tolle Firmen, die sich damit auskennen. Sie machen derzeit ihre Umsätze oftmals mehr in Übersee als bei uns. Warum? Weil viele Firmen nicht in der Lage sind, die richtigen Fragen zu stellen, um mittels Big Data die richtigen Auswertungen zu erhalten. Das ist sicherlich nicht souverän. Nur Trends nachzulaufen, weil es vermeintlich alle tun, ist auch nicht souverän. Es gilt, genau zu überlegen, welcher Weg für einen selbst der beste ist. Wenn Sie beispielsweise die Firma Uber und die Taxi-Branche hernehmen – für beide Bereiche wird sich etwas ändern müssen. Wenn die Letztgenannten ihre Serviceleistungen nicht verändern und mindestens auf Uber-Niveau kommen, werden sie es zunehmend schwer haben, am Markt zu überleben. Uber wird seinerseits die Themen wie ­Arbeitsverhältnisse der eigenen Fahrer überdenken müssen. Souverän ist es, ­Lösungen zu entwickeln, ohne zu jammern. Der Handel braucht nicht in panischer Angst auf Unternehmen wie Amazon zu blicken, sondern muss überlegen, welche Services und ­welche Lieferqualität angeboten werden können, um am Markt zu bestehen. Ich war erst kürzlich auf einer Konferenz in den USA, wo der weltweit größte ­Lebensmittelhändler Walmart gerade Amazon Fresh sehr       erfolgreich mit seinen Online-Angeboten Paroli bietet.

Was brauchen Logistiker, um souverän zu sein?
Staberhofer:
Das Schöne daran, ein Supply-Chain- oder ein Logistik-Manager zu sein, ist der hohe Anteil der persönlichen ­Beeinflussbarkeit. Es gibt kaum eine Disziplin, die einen so ­hohen Freiheitsgrad bietet. Die benötigte Fähigkeit, die damit einhergeht, ist das Wissen, d. h. Fachkompetenz und den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen und auch durchzusetzen. Auf den ersten Blick sieht es beispielsweise einfach aus, wenn ein Industrieunternehmen einen Logistikpartner auswählt. Dafür sind aber viele Detailabklärungen und im Endeffekt auch Mut nötig, um die richtige Auswahl zu treffen. Wenn, um ein extremeres Beispiel zu nennen, Amazon entscheidet, Amazon Prime gemeinsam mit seinem Supply-Chain-Manager einzuführen, so muss dafür das gesamte Geschäftsmodell verändert werden. Das wiederum erfordert Visionsfähigkeit, die Zuversicht bezüglich der Technologiefähigkeit und den Grenzbereich zwischen Mutigsein, Flexibelsein und Beharrlichsein auszuloten. Hier hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel verändert. Man darf sich aber nicht den Sand in die Augen streuen lassen und muss Dinge, die herbeigeredet werden, von Dingen unterscheiden, die wirklich notwendig sind.

Was wird herbeigeredet?
Staberhofer:
Die Begriffe, wie u. a. „4.0“, „smart“, „Blockchain“ haben schon ihre Berechtigung, aber wenn ich mit einer Technologie, die ich bis jetzt verwende, meine Bedürfnisse befriedigen kann und ich dann aber auf eine neue Technologie umsteige, muss ich wissen, warum ich das tue. Entweder bekomme ich dadurch ein verbessertes Service oder es steigert die Sicherheit oder es trägt zur Kostenreduktion bei. Oftmals sind die neuen Technologien nicht günstiger – sicherer schon, aber das Service verbessert sich nicht. Wenn ich den Begriff „4.0“ hernehme und die oberflächliche Betrachtungsweise verlasse, muss ich mir genau überlegen, was ich real hier anbieten kann (das gilt für die ­Industrie über die verladende Wirtschaft bis zu den Logistikern). Sollte kein Mehrwert geschaffen werden, muss man davon wieder ablassen. Es wird oft viel zu wenig hinterfragt, in welchen Bereichen das Serviceangebot meines Unternehmens gesteigert werden kann, damit der Kunde einen Mehrwert davon hat.

Die Keynote beim Österrei­chischen Logistik-Tag wird Gunther Olesch, Geschäfts­führer von Phoenix Contact, zum Thema „Das erfolgreiche digitale Unternehmen“ halten. Was dürfen sich die Besucher davon ­erwarten?
Staberhofer:
Gunther Olesch ist ein konsequenter Querdenker. Er hat die prinzipielle Strategie ­seines Unternehmens, das auf Verbindungs- und Automati­sierungstechnik spezialisiert ist, nach der Überschreitung des Ein-Milliarden-Euro-Umsatzes komplett verändert. Es ging dann nicht mehr darum den Umsatz auf zwei Milliarden Euro und weiter zu steigern, sondern das Management hat sich zusammengesetzt und entschieden, dass sie von nun an das Unternehmen am Markt sein wollen, das das meiste Vertrauen genießt. Sie haben überlegt, was sie tun müssen, um das zu erreichen. Nach einigen Jahren wurden sie in Deutschland zum ­attraktivsten Unternehmen gewählt, bis dahin waren sie den meisten unbekannt. Hier wird Herr Olesch den Besuchern ­einige sehr interessante Ein­blicke geben, zum ­einem wie dieses Vorhaben ihm und seinem Unternehmen gelungen ist und zum anderen wie man seine Mitarbeiter für den digitalen Wandel begeistern und gleichzeitig die damit verbun­denen Unsicherheiten reduzieren kann.

Wie souverän ist der VNL?
Staberhofer:
Immer noch zu wenig (lacht). Bei unserem letzten alljährlichen Boardmeeting, zu dem auch alle VNL-Regional­vorstände gekommen sind, haben wir sehr intensiv und viel­fältig inhaltlich über unsere zukünftige Weiterentwicklung diskutiert – hier sind wir souverän. Wir wissen auch, wofür wir da sind – für die Disziplin Logistik und für unsere Mitglieder. Wir müssen in dem sich ständig verändernden Umfeld auf verschiedene Art und Weise auf den ­unterschiedlichsten Kommunikationskanälen Souveränität haben. Wenn wir heute junge Menschen haben, die immer weniger zu beispielsweise Abendveranstaltungen kommen wollen, weil sie ihr Privatleben bevorzugen, dann müssen wir so souverän sein, sie trotzdem zu erreichen, anstatt nur darauf zu warten, dass sie kommen. Ich denke, wir sind souverän genug, unseren Weg mit viel Engagement und Energie zu gestalten. Dazu braucht es auch den Mut zu scheitern. Allein bei der Bedienung der unterschiedlichsten Kommunikations-kanäle sind wir noch nicht souverän genug. In den letzten drei Jahren haben wir unsere Online-Präsenz massiv gesteigert. Wir wollen über unsere Leistungen kommunizieren und die Menschen für die Logistik begeistern.

Welche nachhaltigen Trends zeichnen sich für Sie für die L­ogistik in den kommenden Jahren ab?
Staberhofer:
Ich bin überzeugt, dass wir in der Logistik im B2B-Bereich in ähnlicher Weise eine Entwicklung, wie sie bereits derzeit im Handel passiert, durch­leben werden. Die B2B-Logistik wird zukünftig immer transak­tionsärmer und transparenter abgewickelt werden. Dahinter gibt es die dafür benötigten Technologien. Das zweite Thema bezieht sich auf den stärker werdenden Online-Lebensmittelhandel. Drittes Thema werden die zunehmenden Realtime-Informationen sein, die die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen klarer und rascher gestalten. Als vierten Trend sehe ich, dass wir weiterhin einen Mangel an Lkw-Fahrern haben werden. Die Lösung wird ent­weder technologisch, durch die Neugestaltung unserer Zusammenarbeit mittels Physical Internet in Kombination mit selbstfahrenden Fahrzeugen sein oder der Transport wird zukünftig mehr kosten; d. h.: entweder mehr Technologieeinsatz oder die Lkw-Fahrer müssen besser entlohnt werden. Ein fünfter Punkt ist, denke ich, dass die Nähe zum Kunden und sein Er­reichen über andere als bisher übliche Kommunikationskanäle ­immer wichtiger wird. Die Frage, die dabei auch zu klären ist wird sein, ob man sich verstärkt bei Online-Plattformen involviert oder ­gemeinsam mit anderen bzw. alleine eine solche betreibt. Abschließend müssen wir uns dazu bekennen, dass wir die Informationen über unsere Kunden besser kennen und damit umgehen müssen. Oftmals wird sehr verschämt mit diesen Daten umgegangen. Wenn ich allerdings damit das Service für meine Kunden verbessern kann, dann macht es Sinn, auch zu kommunizieren, was ich mit den Daten machen will. Mit Big Data etc. lässt sich hier schon einiges bewerkstelligen. Die Basis ist dabei trivial – die Stammdaten müssen ordentlich strukturiert und auf dem aktuellen Stand sein. Auch wenn dieses Thema schon mehr als 40 Jahre alt ist – es ist noch immer eine der wesentlichen Voraussetzungen für alles andere.

Wie sehen Sie die Dachmarke „Austrian Logistics“?
Staberhofer:
Wir als VNL bekennen uns zu 100 Prozent dazu, und haben die Aufgabe, die Bedeutung der Disziplin Logistik in all seinen Schattierungen in die  Öffentlichkeit zu tragen. Das ist in einer Zeit der vielen Veränderungen elementar, ansonsten gerät sie in Vergessenheit.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dieses Interview erschien in der Ausgabe VK 23/2019.


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