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„Lassen wir die Kirche im Dorf!“

Foto: Matt Observe
Es sei bezeichnend, dass sich Mercedes aus dem Platooning zurückgezogen und DHL das Drohnen-Thema zurückgeschraubt habe, sagt Friesz.
Foto: Matt Observe

Alexander Friesz, Präsident des Zentralverbandes Spedition & Logistik, steht den Themen Platooning oder Drohnen kritisch gegenüber und geht zukünftig von einer Regionalisierung der Logistik aus.

Ende 2018 wurde Alexander Friesz nach über 20 Jahren Mitgliedschaft beim Zentralverband Spedition & Logistik (ZV) zum Präsidenten des Interessenverbandes gewählt. Verkehr wollte mit ihm über seine Schwerpunkte im ZV und seine Einschätzung der zukünftigen Entwicklung der Logistik reden.


Verkehr: Auf welche drei Schwerpunkte wollen Sie als ZV-Präsident primär setzen?
Alexander Friesz:
Der ZV ist bereits seit einigen Jahren auf einem sehr guten Weg, und diesen möchte ich fortsetzen. Es freut mich, dass nun auch die politischen Entscheidungsträger immer mehr die Bedeutung der Logistik wahrnehmen. Für uns gilt es, vor allem die Logistikthemen, die im Regierungsprogramm verankert sind, voranzutreiben. In der längerfristigen Perspektive liegt mir die Digitalisierung sehr am Herzen. Dafür müssen die Grundvoraussetzungen, wie u. a. der Auf- und Ausbau des 5G-Netzes und die entsprechenden Internetverbindungen österreichweit, geschaffen werden - ansonsten bekommen wir Probleme, die immer größer werdenden Datenvolumina zu verarbeiten. Hier sei der professionelle 3D-Druck nur als ein Beispiel von vielen kurz erwähnt. Zudem dauern bei uns die Entscheidungswege viel zu lang. Zur schnelleren Umsetzung von Infrastrukturprojekten braucht es einen Brückenschlag zwischen dem Bund und den Bundesländern. Wenn hier nicht alle an einem Strang ziehen, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit.

Was ist Ihnen noch wichtig?
Friesz:
Das zweite entscheidende Thema ist für mich das breite Themenfeld des E-Commerce. Know-how und Wertschöpfung müssen in Österreich ausgebaut werden. Diesbezüglich hinken wir international hinterher. Zudem sollten unsere Anstrengungen in die Richtung gehen, mehr Lagervolumen und logistische Dienstleistungen nach Österreich zu holen.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die "Neue Seidenstraße"?
Friesz:
Bei diesem Thema ist die viel diskutierte Breitspurbahnverlängerung von entscheidender Bedeutung. Österreich kann durch sie ein wichtiger logistischer Hub in Europa werden und die damit verbundene Wertschöpfung lukrieren. Wenn uns das nicht gelingt, dann bleibt uns nur der Transitverkehr durch Österreich. China orientiert sich zunehmend nach Westen - für einige ist das furchteinflößend. "Wo steuert die Welt hin?", fragen sich viele. Aber - ob wir es wollen oder nicht - es wird passieren. Die Frage ist: Sind wir dabei oder nicht? Deshalb ist es mir wichtig, dass sich Österreich hier engagiert und wir als Zentrum Europas auch eine größere logistische Bedeutung bekommen.

Das waren zwei - was ist der dritte Schwerpunkt, den Sie setzen wollen?
Friesz:
Es braucht dringend eine Überarbeitung der heimischen Flächenwidmung. Uns fehlen zunehmend Logistikflächen. Die Logistik wird sich in den kommenden zehn Jahren ganz wesentlich verändern. Es wird wieder zu einer verstärkten Regionalisierung kommen. Der frühere Trend der Zentralisierung der Logistik, in Form von riesigen Zentrallagern europaweit, wird bald nicht mehr funktionieren, weil die Kapazitäten auf der Straße zukünftig nicht mehr ausreichen werden und der Bahntransport oft zeitlich nicht geeignet ist. D. h., es wird wieder in Richtung Dezentralisierung gehen. Damit das auch gelingt, brauchen wir die entsprechenden Logistikflächen, die bereits heute dafür reserviert werden sollten.

Bei der Fülle an Veränderungstendenzen und neuen Schlagzeilen (Drohnen, Robotik, Platooning, automatisiertes Fahren) kann man schon manchmal den Überblick verlieren. Welche Technologien werden Ihrer Einschätzung nach in den kommenden fünf bis zehn Jahren bei uns tatsächlich angekommen sein?
Friesz:
Einige Themen erscheinen mir primär marketinggetrieben. Bis vor kurzem wurde u. a. Platooning bzw. die Drohnenzustellung immer wieder gehypt. In großem Maße wird dies nicht in unseren Breitengraden realisiert werden. Es ist bezeichnend, dass sich zuletzt (trotz der vielen Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten) Mercedes aus dem Platooning wieder zurückgezogen hat. Ebenso hat DHL das Drohnen-Thema vorab wieder zurückgeschraubt. So interessant manche Ideen auf den ersten Blick oft wirken, die Umsetzung in die Realität ist oftmals viel schwieriger als erwartet. Es wird aber ohne Zweifel zukünftig zu Erleichterungen in der Logistik kommen. So wird es vermehrt Zustellfahrzeuge geben, die menschliche Arbeit erleichtern, aber nicht ersetzen. Es sollte auch nicht unser Ziel sein, dass Roboter Menschen ersetzen. Der 3D-Druck wird an Bedeutung gewinnen. Im Lager werden Drohnen sicherlich zukünftig verstärkt für Inventurtätigkeiten herangezogen werden. Aber lassen wir die Kirche im Dorf - der Weg der kleinen Schritte ist realistischer. Ganz wichtig ist auch, dass wir die nationalen und internationalen Behördenwege überarbeiten! In diesem Zusammenhang möchte ich nur allein auf die Straßenzulassung hinweisen. Wir benötigen mehr Flexibilität und eine Beschleunigung der Prozesse - so existieren zum Beispiel bei den Autotransportern (Lkw für den Transport von mehreren Fahrzeugen, meist Pkw; Anm. d. Red.) in Europa derzeit fünf verschiedene maximale Fahrzeuglängen. Jene in Österreich müssen beispielsweise um 50 cm kürzer sein als jene in Deutschland - das ist nicht plausibel. Ein einheitlicher Wirtschaftsraum sieht anders aus.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Logistik in den Ballungsgebieten?
Friesz:
Durch das weiterhin steigende Paketaufkommen, das man dem boomenden E-Commerce zu verdanken hat, brauchen wir diesbezüglich eine verstärkte Bündelung von Sendungen und dafür wiederum mehr Logistikflächen. Hier ist die Politik gefordert, Logistikflächen zur Verfügung zu stellen. White-Label-Lösungen (neutrale Transportdienstleister) sind derzeit mehr Theorie als praxisnah, weil es dadurch zu einem erhöhten Arbeitsaufwand und damit zu zusätzlichen Kosten kommt. Die Margen sind jetzt schon so eng, dass sich das nicht ausgeht.

Die Dachmarke "Austrian Logistics" wurde im letzten Jahr ins Leben gerufen. Welche Bedeutung messen Sie ihr bei?
Friesz:
"Austrian Logistics" ist eine ganz wichtige und von uns schon lange geforderte Initiative, um im In- und Ausland auf die tollen Leistungen unserer Logistiker aufmerksam zu machen. Es gibt hier sicherlich noch einiges zu tun, aber wir sind gemeinsam mit den Markenpartnern auf einem sehr guten Weg.

Zu Beginn Ihres Berufslebens waren Sie über 15 Jahre im Hotelgewerbe tätig, bevor Sie bei Lagermax eingestiegen sind. Wie kam es zu diesem Wechsel und welche Erfahrungen konnten Sie aus Ihrer früheren Tätigkeit in der Transport- und Logistikbranche mitnehmen?
Friesz:
Schon mein Großvater war Spediteur mit Leib und Seele sowie auch mein Vater. Da mein Vater leider frühzeitig verstorben ist, stellte sich mir die Frage, ob ich die Herausforderung annehmen möchte, in die Führung des Unternehmens von Lagermax einzusteigen. Ich nahm diese Rolle an, weil es mich reizte, einerseits die Familientradition fortzusetzen, und andererseits sah ich damals (es war kurz vor der Ostöffnung) enorme Chancen und Potenziale für das Unternehmen. Prinzipiell geht es in beiden Bereichen um das Gleiche: nämlich um Kundenzufriedenheit und um Dienstleistung. Die Margen sind beiderseits eng, und es ist eine Herausforderung zu bestehen. Insoweit war dann für mich der Wechsel nicht so schwer.

Vielen Dank für das Gespräch!


Dieses Interview wurde ursprünglich in der Ausgabe VK 10/2019 veröffentlicht.


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