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„Euro-VI-Fahrzeuge darf man nicht verteufeln"

Foto: Lagermax
Die österreichische Regierung darf Elektroräder, kleinere elektrisch-angetrie­bene Fahrzeuge, aber auch Euro-VI-Lkw nicht von der Förderung ausschließen, fordert Friesz.
Foto: Lagermax

Im Interview mit Verkehr spricht Alexander Friesz, Präsident des Zentralverbandes Spedi­tion & Logistik, über die Entwicklungen der Branche in Zeiten von Corona, die Auswirkungen der boomenden KEP-Mengen und auch über die immer wichtiger werdende grüne Logistik.

Herr Friesz, welche Bilanz ziehen Sie nach einem Jahr Corona-Pandemie?
Alexander Friesz:
Es hat sich im laufe der Pandemie gezeigt, dass es auch zu politischen Ent­scheidungen kommt, die schwer nachvollziehbar sind. Es gilt gegen diese zu argumentie­ren. Bei der ersten Welle, Anfang 2020, hatten wir eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Regie­rung, und zwar auf allen Ebe­nen. Es wurden schnell und un­bürokratisch Lösungen gefun­den. Inzwischen ist das Ganze ein bisschen dem Populismus gewichen. Es ist nicht mehr so leicht, den Damen und Herren der Regierung zu erklären, wie wichtig die Logistik ist. Ein Bei­spiel wäre die vor Kurzem in Deutschland entfachte Diskus­sion, ob man die Testung der Lkw-Fahrer bei der Einreise in Deutschland wieder einfuhren soll. Das Thema hatten wir schon mal und es kam schnell wieder vom Tisch, weil es nicht ohne eine schwere Beeinträch­tigung der Versorgungssicher­heit umsetzbar ist. Jetzt poppt es wieder auf. Als Branche müs­sen wir dagegenhalten, weil wir sonst die Versorgung der Indus­trie und der Bevölkerung volkommen ausbremsen wür­den. An der Grenze zwischen England und Frankreich kann man aktuell sehr gut beobach­ten, zu was so eine Entscheidung führen kann.

Das klingt sehr ernüchternd.
Friesz:
Ich muss jedoch schon betonen, dass der Verkehrsfluss bis jetzt weitgehend aufrechter­halten werden konnte. Was wir aber schon immer wieder aus der Branche hören, ist, dass Planungssicherheit benötigt wird. Aber die gibt es im Moment lei­der nicht und sie wird auchh von niemanden suggeriert. Themen werden politisch sehr kurzfristig behandelt.

Gab es Pandemie-bedingte Entwicklungen, die Sie über­rascht haben? 
Friesz:
Das ist relativ zu betrach­ten. Der Boom des Online-Han­dels war irgendwie absehbar, weil die Geschäfte geschlossen hatten und die Kunden sich ihre Ware auf anderem Wege be­sorgt haben. Aber es war zu be­obachten. dass es zu einem Umbruch gekommen ist. Das Kaufverhalten hat sich sehr stark in Richtung Online-Handel be­wegt. Der Bereich der Digitali­sierung hat sich in diesem Zeit­raum ebenso verändert. Die Wirtschaft generell, und somit auch die Logistik, musste sich sehr schnell anpassen und es war doch überraschend zu se­hen, dass diese Anpassung so gut vollzogen wurde. Wobei man natürlich sagen muss. dass die Logistikbranche schon vor der Pandemie digital weit fort­geschritten war.

Sie haben soeben ein wichtiges Stichwort genannt: die gestie­genen KEP-Mengen. Was be­deuten diese für die Branche?
Friesz:
Die gesamte Branche überlastet. Unternehmen hatten mit Mengensteigerungen zwischen 30 und 40 Prozent zu kämpfen. Die verkraftet man nicht einfach so. Vor allem von Mitarbeiterseite war das eine Herausforderung. Die Zusteller mussten bis zu 200 Mal pro Tag aus dem Wagen aussteigen, Pa­kete abgeben und wieder ein­steigen. Wenn man das mal ge­macht hat, dann weiß man. was das bedeutet. Es ist ein Bereich, den man hochschätzen muss, und das wollen wir dement­sprechend vermitteln. 

Wie geht man mit solchen Mengensteigerungen um?
Friesz:
Die Unternehmen haben naturlich mehr Personal einge­stellt. Aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage gibt es ausreichend Personal auf dem Markt. Als Branche haben wir jedoch nach wie vor mit einem großen Mangel an Lkw-Fahrern zu kampfen. Das ist ein Thema, das auf EU-Ebene gelöst wer­den muss.

Steigerungen der KEP-Mengen sind aus wirtschaftlicher Sicht erfreulich, aus ökologischer jedoch eher weniger. Wie kann man die KEP-Zustellungen grün gestalten? 
Friesz:
Es müssen Anreize ge­schaffen werden, um auf Fahrzeuge mit Alternativantrieben zu wechseln - in anderen Worten: Es müssen Förderun­gen her. Das geschieht meiner Meinung nach noch viel zu we­nig. Es werden für den urbanen Bereich zum Beispiel nicht aus­reichend Elektro-Räder oder kleinere elektrisch-angetrie­bene Fahrzeuge gefördert. Es braucht aber auch nicht nur ein Umdenken bei der Politik. son­dern auch in der Bevölkerung. Man kann sich nicht für die Umwelt einsetzen und gleich­zeitig Ware aus dem Internet bestellen, die aus China gelie­fert wird. Das ist der Umwelt nicht sehr zuträglich. Unsere Branche ist gut aufgestellt, was Green Logistics betrifft. Wichtig zu bedenken ist aber auch, dass es nicht fur jeden Teilbereich Alternativen gibt, zum Beispiel beim Fernverkehr. Es gibt keine alternativen Antriebe fur die Langstrecke, sondern nur die Euro-VI-Fahrzeuge, die hervor­ragend sind. E-Lkw machen für diese Distanzen meiner Ansicht nach keinen Sinn, da kämen Wasserstoff-Fahrzeuge eher in Frage - aber die sind noch nicht ausgereift. Daher darf man die Euro-VI-Fahrzeuge nicht verteufeln und sie von der Förderung ausschließen. Im­merhin ist die Neuanschaffung eines solchen Fahrzeugs im Sinne des Umweltschutzes. Deutschland macht es uns vor: Dort gibt es Umsetzungspläne. denen zufolge die Neuanschaf­fung eines Euro-VI-Fahrzeugs mit 15.000 Euro gefördert wird. In Österreich müssen wir nicht die gleiche Summe aufbringen, aber null Euro ist keine Lösung und das falsche politische Signal. 

Machen wir einen kurzen Schwenk: Die Logistik genoss im Frühjahr einen guten Ruf bei der Bevölkerung. Was ist davon noch übrig geblieben?
Friesz:
Es wurde der Bevölke­rung klar, dass ohne Logistik nichts geht. Wir müssen nun gemeinsam mit der Politik daran weiter arbeiten. Die Entwicklung des Masterplans Mobilitat ist da ein guter erster Schritt, und wir wollen uns da einbringen.

Wie soll es mit der Dachmarke "Austrian Logistics", an dessen Gründung auch der ZV betei­ligt war, nun weitergehen?
Friesz:
In den vergangenen Mo­naten wurde wieder begonnen, die Marke (auch über die sozia­len Medien) zu pushen. Das ist ein guter Anfang, aber noch nicht das, was möglich und sinnvoll wäre. Die Branche selbst hat schon viel Vorleistung erbracht, wir haben immerhin schon 60 Betriebe, die sich der Dachmarke als Partner ange­schlossen haben. Hier muss nun die Politik aktiv werden und die Marke vermarkten.

Vielen Dank für das Gespräch! 


Das Interview erschien ursprünglich in der Ausgabe VK 01-04-/2021


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