„Unsere Stärke liegt darin, Orientierung zu geben, nicht parteipolitische Positionen zu vertreten“, sagt Senk. (Foto Wiener Linien / Luiza Puiu)
Sie stehen seit Kurzem an der Spitze der ÖVG. Welche Themen möchten Sie während Ihrer Präsidentschaft unbedingt voranbringen?
Die ÖVG soll noch stärker als unabhängige Plattform und Brückenbauerin zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wirken. Mir ist wichtig, dass wissenschaftliche Erkenntnisse rascher in die Praxis gelangen und umgekehrt die Herausforderungen aus dem Verkehrsalltag in Forschung und Entwicklung zurückgespielt werden. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Deregulierung und Effizienzsteigerung. Innovation darf nicht an überbordender Bürokratie scheitern. Und schließlich liegt mir die Förderung des Nachwuchses besonders am Herzen. Die Junge ÖVG soll aktiv an der Gestaltung der Mobilität von morgen mitwirken und nicht nur Beobachterin sein.
Die ÖVG versteht sich als Plattform zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Wie politisch darf oder muss sich die Gesellschaft aus Ihrer Sicht einmischen?
Die ÖVG ist keine politische Interessensvertretung. Ihre Aufgabe ist es, wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Impulse zu liefern. Gerade bei komplexen Fragen der Mobilität brauchen politisch Verantwortliche unabhängige Expertise. Die ÖVG sollte deshalb den Dialog fördern, Fakten bereitstellen und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. Unsere Stärke liegt darin, Orientierung zu geben, nicht parteipolitische Positionen zu vertreten.
Wenn Sie der österreichischen Verkehrspolitik derzeit ein Zeugnis ausstellen müssten: Wo sind wir gut unterwegs und wo nicht?
Österreich verfügt über ein leistungsfähiges Verkehrssystem und hat insbesondere beim öffentlichen Verkehr und bei der Schieneninfrastruktur europaweit eine starke Position. Gleichzeitig stehen wir vor großen Herausforderungen. Planungs- und Genehmigungsprozesse dauern oft zu lange, regulatorische Anforderungen nehmen stetig zu und Innovationen gelangen nicht immer rasch genug in die Umsetzung. Wir brauchen deshalb mehr Tempo, mehr Effizienz und einen stärkeren Fokus auf die praktische Umsetzung neuer Lösungen.
Österreich gilt beim Schienenverkehr im europäischen Vergleich als Vorzeigeland. Reicht Ihnen das – oder ruhen wir uns ein Stück weit auf diesem Ruf aus?
Auf Erfolge dürfen wir stolz sein, ausruhen dürfen wir uns darauf aber nicht. Die Anforderungen an Mobilität verändern sich rasant: Digitalisierung, Klimawandel, Sicherheit, Resilienz und neue Kundenbedürfnisse verlangen kontinuierliche Weiterentwicklung. Österreich hat eine hervorragende Ausgangsbasis, doch diese muss laufend durch Innovation, Investitionen und enge Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis abgesichert werden.
Schauen wir auf den Modal Split im Personenverkehr: In den Ballungsräumen funktioniert das Angebot, im ländlichen Raum dominiert nach wie vor das Auto. Wurde der ländliche Raum in der Debatte um die Mobilitätswende streckenweise aufgegeben?
Nein, aber die Herausforderungen unterscheiden sich stark zwischen Stadt und Land. Während in Ballungsräumen ein dichtes öffentliches Verkehrsangebot wirtschaftlich darstellbar ist, braucht es im ländlichen Raum andere Konzepte. Dort werden flexible Angebote, regionale Vernetzung, digitale Lösungen und eine intelligente Kombination verschiedener Verkehrsmittel entscheidend sein. Die Mobilitätswende kann nur gelingen, wenn sie für Menschen in allen Regionen praktikabel und attraktiv ist.
Beim Güterverkehr heißt die Formel seit Jahrzehnten „Mehr auf die Schiene“. In der Praxis stagnieren die Marktanteile oder stehen unter Druck. Was müsste sich konkret ändern, damit Unternehmen tatsächlich mehr Güter auf die Schiene bringen?
Der Schlüssel liegt in Einfachheit, Verlässlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen entscheiden nicht aus Idealismus, sondern aufgrund von Kosten, Qualität und Planungssicherheit. Dafür braucht es leistungsfähige Infrastruktur, digitale Prozesse, standardisierte Abläufe und weniger bürokratische Hürden. Außerdem müssen die Verkehrsträger besser vernetzt werden, denn die Zukunft liegt nicht im Gegeneinander, sondern im intelligenten Zusammenspiel von Schiene, Straße, Wasser und Luft.
Die Straße wird auch künftig einen großen Teil des Personen- und Güterverkehrs tragen. Wird diese Realität in der verkehrspolitischen Diskussion Ihrer Meinung nach ausreichend berücksichtigt?
Mobilität funktioniert nur verkehrsträgerübergreifend. Die Straße wird auch künftig eine zentrale Rolle spielen, insbesondere im Güterverkehr sowie auf der ersten und letzten Meile. Entscheidend ist nicht die Frage „Schiene oder Straße“, sondern wie wir die jeweiligen Stärken optimal kombinieren. Die ÖVG bietet genau für diesen ganzheitlichen Blick den richtigen Rahmen.
Wir wollen mehr Verkehr auf der Schiene, einen besseren öffentlichen Verkehr, leistungsfähige Straßen und gleichzeitig die Infrastruktur klimafit machen. Kann Österreich all das finanzieren?
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir es uns leisten können, sondern ob wir darauf verzichten können. Mobilitätsinfrastruktur ist eine Investition in Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität und Klimaschutz. Gleichzeitig müssen wir die verfügbaren Mittel möglichst effizient einsetzen. Das bedeutet: Prioritäten setzen, Prozesse beschleunigen, Innovation fördern und bestehende Infrastruktur intelligent weiterentwickeln. Nur so können wir die großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bewältigen.
