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„Was wir Stabilität nennen, heißt in China Starrheit“

Foto: cargo-partner / Esther Horvath
Zur Risikominimierung wird zukünftig wieder vermehrt auf alternative ­Beschaffungswege gesetzt werden, glaubt Stefan Krauter.
Foto: cargo-partner / Esther Horvath

Stefan Krauter, Gründer, Eigentümer und CEO von cargo-partner, spricht im Interview mit Verkehr über die Auswirkungen der Corona-Krise und seine Pläne entlang der Iron Silk Road.

Welche Bedeutung hat Südosteuropa für cargo-partner?
Stefan Krauter:
Die Region ist eine unserer größten Stärken. Wir haben hier sehr stark in die Lagerhaltung und Kontrakt­logistik investiert. Diese Region, inklusive der Türkei, wird von mehreren Trends profitieren. Es wird teils zu Near-Shoring-Entscheidungen in Westeuropa kommen und es werden auch viele qualifizierte Mitarbeiter von Westeuropa in die Region zurückwandern. Skepsis verspüre ich gegenüber jenen ­Regionen, die sich einseitig auf den Automotive-Sektor fokussiert haben. Die Slowakei zum Beispiel hatte sich in den letzten Jahren über dieses Indus­triesegment hinweg breiter ­aufgestellt.
Uns zieht es zukünftig verstärkt nach Westeuropa – hier vor ­allem in Richtung UK, weil von dort aus viele globale Geschäfte ablaufen. Mit unserem Netzwerk und unserer IT können wir dies sehr gut abbilden. Von dort ­lassen sich auch unsere China-Aktivitäten sehr gut ausbauen.

Apropos China: Wie ist dort für Sie zuletzt die wirtschaftliche Entwicklung verlaufen?
Krauter:
Wir haben 2005 mit der Entwicklung unserer Organisation in Asien angefangen. Heute arbeiten fast ein Drittel unserer 3.100 Mitarbeiter in Asien und Australien. Wir ­haben dort also eine profitable und leistungs­fähige Organi­sation aufgebaut. Wir sind auf den großen Häfen und Flug­häfen in der Küstennähe ver­treten. Seit ca. drei Jahren begleiten wir unsere Kunden auch ins weitere Binnenland. Wir vernetzen Asien mit Amerika und Afrika und expandieren am innerasiatischen Markt mit Organisationen in Südostasien und Indien. Die „Iron Silk Road“, LCL-Verkehre und die Kontraktlogistik haben generell einen sehr starken Stellenwert bei uns, und hier gibt es einen großen Markt, natürlich auch ordentliche Konkurrenz. Wir wollen mindestens zwei neue Standorte in China pro Jahr aufbauen.

Welche Lektionen haben Sie im asiatischen Raum gelernt?
Krauter:
Ich habe höchsten ­Respekt vor dem Fleiß der Chinesen. Europa ist bei weitem dem Wandel gegenüber nicht so aufgeschlossen. Der Begriff der Stabilität in China ist eine permanente Adaptierung an den Wandel der Zeit. Was wir in Europa Stabilität nennen, heißt in China Starrheit. Das 19. Jahrhundert war von Europa ­geprägt, das 20. Jahrhundert von den USA und das 21. Jahrhundert wird von China am stärksten beeinflusst werden.  

Wie bewerten Sie die Iron Silk Road?
Krauter:
Wir sehen die Entwicklung auf der Schiene als sehr ­positiv. Der politische Wille ist vorhanden, diese Route weiter auszubauen. Die Mengen und die Abfahrtsdichte sind mittlerweile so gestiegen, dass es wirklich ein neuer Weg ist, der auch in die Planungen der Supply Chains Einzug gehalten hat. cargo-partner bewegt derzeit rund 20 40-Fuß-Sammelcon­tainer wöchentlich im Westbound und vier Sammelcon­tainer im Eastbound. Das FCL-Geschäft ist rund dreimal so groß. Unlängst haben wir bereits drei Ganzzüge von Polen nach China organisiert. In Summe haben wir im letzten Jahr über die Iron Silk Road 4.800 TEU bewegt (FCL und LCL, 41.000 cbm).

Die Iron Silk Road steht primär im Wettbewerb zur Luft- und nicht zur Seefracht. Wie bewerten Sie diese Situation?
Krauter:
Wir haben zuletzt ­einige Engpässe auf der Schiene feststellen müssen. Zur gleichen Zeit haben sich die Luftfrachtpreise erhöht. Wir setzen seit vier Jahren verstärkt auf die Iron Silk Road. Bei den Transport­kosten zwischen Asien und ­Europa wird die Seefracht auch in Zukunft am günstigsten ­bleiben. Ca. 96 Prozent der ­Transporte werden also weiterhin mit dem Schiff transportiert werden und jeweils zwei Prozent mit der Schiene und dem Flugzeug.

Wie beeinflusst Corona die Entwicklung der Logistik?
Krauter:
Die gesamte Wirtschaft und die Logistik haben einen enormen Digitalisierungssprung durchgeführt. Bisher wurde ­oftmals das Thema „Risiko“ ­ignoriert. Die Systeme wurden ausgereizt. Zur Risikominimierung wird künftig vermehrt auf alter­native Beschaffungswege gesetzt. Davon werden Südostasien, Indien, die Türkei und Südosteuropa profitieren.

Wie soll sich cargo-partner in Zukunft entwickeln?
Krauter:
Wir wollen bis 2025 ­einen Umsatz von zwei Milliarden Euro erreichen. Heuer könnte sich das erste Mal eine Milliarde ausgehen, weil die Frachtpreise in der Luftfracht ­exorbitant hoch gewesen sind, was den Rückgang an Sendungen bei weitem überkompensiert hat. 2025 werden wir viel mehr im E-Commerce involviert sein, weil dieser die traditio­nellen Vertriebskanäle unserer Kunden revolutionieren wird. Die Intensität der Zusammen­arbeit mit unseren Kunden im IT-Bereich wird gigantisch sein, weil es sich viele Kunden einfach nicht mehr leisten können oder wollen, ihre Lieferkette in Eigenregie auch im IT-System abzubilden. Unternehmen werden Logistiker brauchen, die sich voll mit ihren Systemen integriert haben und ihnen die nötige Datenintegrität und die gewünschten Events und KPI liefern.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview erschien ursprünglich in der Ausgabe VK 38-39/2020.


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