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„Nur gemeinsam sind wir stark!“

Foto: Venz Gmbh
Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie niedrig die Transportkosten in Relation zu den Gesamtkosten sind, so Beate Färber-Venz.
Foto: Venz Gmbh

Mit Beate Färber-Venz kommt ein frischer Wind in die Wirtschaftskammer Niederösterreich. Sie will die Berufslenkerakademie ausbauen, fordert transparente Transportkosten und Kontrollen der Kabotagen.

Beate Färber-Venz ist Geschäftsführerin der Venz GmbH und seit dem 15. Februar 2019 auch die neue Obfrau der Sparte Transport und Verkehr der Wirtschaftskammer Niederösterreich. Sie will die Vernetzung der Logistikbranche u. a. durch die Unterstützung der Dachmarke "Austrian Logistics" und das Projekt "Logistik 2030+" vorantreiben. Verkehr wollte wissen, was sie zudem noch vorhat.

Verkehr: Welche drei Themen haben Sie zu Beginn Ihrer Funktionsperiode als neue Spartenobfrau besonders im Fokus?
Beate Färber-Venz:
Die Digitalisierung steht sicherlich ganz oben auf der Agenda. Unsere Taxiunternehmen sind mit deren Auswirkungen spätestens seit dem Markteintritt von Uber, dem US-amerikanischen Online-Vermittlungsdienst für die Personenbeförderung, schon hautnah konfrontiert. Jammern und nur Verbote auszusprechen, wird langfristig nichts nützen - wir müssen Antworten auf die digitalen Fragestellungen geben. Wir wollen die heimischen Unternehmen fit machen für die Digitalisierung. In diesem Zusammenhang planen wir auch, die Fahrschulausbildungen zu modernisieren. Es gibt jetzt schon Fahrschulen, die zur Ergänzung der Praxis auf der Straße Schulungen auf einem Fahrsimulator anbieten. Hier ist zu überlegen, inwieweit dies auch in der Lkw-Führerscheinausbildung anwendbar wäre. Wir wollen die Unternehmen über diese Möglichkeit informieren und bei Interesse miteinander für einen Erfahrungsaustausch vernetzen. Gerade auch in Hinblick auf die Diskussion über den Einsatz von Abbiegeassistenzsystemen für Lkw ist eine verstärkte Schulung über den toten Winkel auf einem Fahrsimulator sinnvoll. Generell erfordert die Digitalisierung und deren Folgen unsere vollste Aufmerksamkeit. Was unseren Taxiunternehmen bereits passiert ist, kann in der Zukunft auch die Frächter oder andere Bereiche treffen.

Was ist Ihnen noch wichtig?
Färber-Venz:
Der Facharbeitermangel ist ein branchenübergreifendes Thema - bei uns betrifft dies vor allem die Lkw-Fahrer. Wir haben darauf reagiert, indem wir im Herbst 2018 eine Berufslenkerakademie gegründet haben. Wir bieten dort einen 18-monatigen Lehrgang an, in dessen Rahmen junge Menschen (18 bis 25 Jahre alt), die bereits den Pkw-Führerschein haben, in einer verkürzten Ausbildungszeit eine vollwertige Berufskraftfahrerausbildung absolvieren können. Im derzeit ersten Turnus bilden wir, in Kooperation mit dem Arbeitsmarktservice Niederösterreich (AMS NÖ), zehn junge Menschen aus. Diese Ausbildung wird in Niederösterreich auch auf den Werkverkehr und die Buslenker ausgeweitet. Der nächste Turnus der Berufslenkerakademie startet im Herbst 2019.

Mit welchen Kosten muss ein Unternehmen rechnen, wenn es einen Mitarbeiter an die Berufslenkerakademie entsendet?
Färber-Venz:
Für die Ausbildung sind monatlich 400 Euro zu bezahlen - weitere Kosten entstehen nicht. Der Lebensunterhalt für die Auszubildenden wird vom AMS NÖ beglichen. In der Fahrer-Ausbildung sind die Führerscheinklassen C und E, inklusive C95 - Grundqualifikation und Weiterbildung, enthalten.

Ist die Berufslenkerakademie auf Niederösterreich beschränkt?
Färber-Venz:
Ja, aber wir wollen sie in weiterer Folge auch in all jenen Bundesländern anbieten, die daran Interesse haben.

Wie sehen Sie die Dachmarke "Austrian Logistics"?
Färber-Venz:
Ich stehe absolut hinter dieser Dachmarke, denn nur gemeinsam sind wir stark. Wenn wir uns nicht vernetzen, dann werden wir den immer größer werdenden Marktteilnehmern aus dem Handel gegenüberstehen. Auch als Wirtschaftskammer Niederösterreich unterstützen wir "Austrian Logistics".

Wie sind Ihre Erfahrungen mit "Logistik 2030+", dem Gemeinschaftsprojekt von Wien und Niederösterreich?
Färber-Venz:
Die Vernetzung zwischen Wien und Niederösterreich ist sehr wichtig und gut angelaufen. Die ersten Projekte sind bereits am Start. Im Herbst werden die Ergebnisse auf dem Tisch liegen, aber ich hoffe, dass die Kooperation fortgesetzt wird, weil gerade diese beiden Regionen in Zukunft noch mehr zusammenarbeiten werden müssen. Ich finde es extrem wichtig, dass sich die vier Projektpartner (die Stadt Wien, das Land Niederösterreich und die jeweiligen Wirtschaftskammern) zusammensetzen und nach gemeinsamen Verkehrslösungen suchen bzw. diese entwickeln. "Logistik 2030+" war ein ganz wichtiger Startschuss für zukünftige gemeinsame und abgestimmte Verkehrskonzepte.

Letztes Jahr hat die Wirtschaftskammer Niederösterreich, den Film "So kommt die Milch auf den Frühstückstisch" in Volksschulen abgespielt. In für Kinder angepasster Weise wird dabei die Bedeutung von Transport und Logistik veranschaulicht. Wie steht es um dieses Projekt?
Färber-Venz:
Dieses Projekt verläuft nach wie vor sehr erfolgreich. Es wurde nun um den Aspekt Verkehrssicherheit erweitert und wird ab Herbst auf die Neuen Mittelschulen ausgedehnt. Auch das ist eine Antwort von uns auf die Diskussionen um den Lkw-Abbiegeassistenten. Es gilt hierbei aber, mehrere Komponenten zu berücksichtigen: Erstens muss bedacht werden, dass der Lkw-Fahrer nur ein Teil des Verkehrssystems ist, der für die speziellen Herausforderungen des toten Winkels sensibilisiert werden muss. Zweitens muss man Zebrastreifen an neuralgischen Kreuzungen verlegen, damit der Lkw bereits geradeaus fährt, wenn er zu einem Fußgängerübergang gelangt. Drittens sind in unübersichtlichen Bereichen spezielle Spiegel zur besseren Einsicht für den Lkw-Fahrer zu montieren. Viertens (und das ist ganz wesentlich) muss man alle anderen Verkehrsteilnehmer, vor allem Kinder, die wir in den Neuen Mittelschulen verstärkt ansprechen werden, informieren und mit ihnen trainieren. Auch den Lehrern ist teilweise die Gefahr des toten Winkels nicht bewusst.

Wie viele Schüler können Sie damit erreichen?
Färber-Venz:
In den vergangenen drei Jahren konnten wir im Volksschulbereich über 2.000 Kinder erreichen - wir bleiben dran!

Was wünschen Sie sich von der heimischen Politik?
Färber-Venz:
Sehr wichtig wäre es mir, Transparenz bei den Transportkosten zu erreichen - d. h., dass beim Konsumenten ein Bewusstsein für den geringen Anteil an Transportkosten für weitgereiste Produkte geschaffen wird - am besten in Verbindung mit den dadurch entstandenen Emissionen, ähnlich wie auf den Zigarettenpackungen, nur etwas pointierter. Das würde hoffentlich das Bewusstsein für mehr Regionalität fördern und auch aufzeigen, dass, in Relation zu den Gesamtkosten, der Transportanteil zu nieder ist und deshalb viele Dienstnehmer (Lkw-Fahrer, Lagerfachkräfte etc.) Löhne für ihre Arbeit erhalten, die an der untersten Grenze liegen. Zusätzlich fehlen die Kontrollen von Kabotagen (das Erbringen von Transportdienstleistungen innerhalb eines Landes durch ein ausländisches Unternehmen, Anm. d. Red.). Es wird derzeit nur dann kontrolliert, wenn eine Strafanzeige vorliegt. Neben den Kontrollen fehlt es vor allem an Transparenz. Die neuesten Lkw-Tachographen verfügen auch über eine GPS-Datenerfassung; diese Ortungsdaten könnten wir schon lange über die Durchfahrten durch die Mautbalken abrufen. Darauf wird derzeit aber nicht zugegriffen. Technisch muss hier eine Kontrolle möglich sein, vor die sich ein Unternehmen, dass sich an die Vorschriften hält, nicht fürchten muss. Darüber hinaus passiert bei der Förderung des Kombinierten Verkehrs noch zu wenig - wenn mehr Güter auf der Schiene transportiert werden sollen, braucht man auch finanzielle Anreize und Kapazitäten.

Ihre erste Amtszeit endet mit der Wirtschaftskammerwahl im Herbst 2020. Was soll sich bis dahin durch Ihr Wirken verändert haben?
Färber-Venz:
Die Berufslenkerakademie soll sich inklusive Werkverkehr etablieren, und es soll eine stärkere Vernetzung der Unternehmen gelingen. Das Image der in der Branche arbeitenden Menschen soll sich zumindest ansatzweise verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch!



Dieses Interview erscheint in der Ausgabe VK 12/2019


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