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„Der Lernprozess muss in die Arbeit integriert sein“

Foto: David Payr
"In den nächsten fünf Jahren werden wir rund 2.200 Triebfahrzeugführer konzernweit aufnehmen und zu Universaltriebfahrzeugführern ausbilden", sagt Truhlarovsky.
Foto: David Payr

Peter Truhlarovsky (Leiter Stab Personal der Rail Cargo Group) und Franz Heißenberger (Ausbildungsleiter der Rail Cargo Group), sprechen über die Art der Lehrlingsausbildung, die im Konzern angeboten wird.

von: Bernd Winter

Verkehr: Inwieweit spürt auch die Rail Cargo Group (RCG) den Facharbeitermangel?
Peter Truhlarovsky:
Wir spüren den Generationenwechsel in der Belegschaft, der uns vor allem in den kommenden Jahren noch sehr beschäftigen wird. Logistiker und Triebfahrzeugführer sind jene Berufe, die bei uns derzeit am meisten gesucht werden. Wir sehen schon, dass es notwendig ist, die Attraktivität der zweitgenannten Berufsgruppe verstärkt in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wie viele Triebfahrzeugführer suchen Sie aktuell?
Truhlarovsky:
In den nächsten fünf Jahren werden wir rund 2.200 Triebfahrzeugführer konzernweit aufnehmen und zu Universaltriebfahrzeugführern ausbilden.

Gerade die Lehrlinge sind für viele Betriebe eine wichtige Basis, ihr Personal aufzubauen. Haben Sie ausreichend Zulauf zu Ihrer Lehrlingsausbildung?
Franz Heißenberger:
Derzeit bilden wir in der Rail Cargo Group rund 100 Lehrlinge aus. In den kommenden Jahren wollen wir noch mehr Jugendlichen eine Ausbildung bieten. Im gesamten ÖBB-Konzern bilden wir aktuell 1.900 Lehrlinge aus.

Hat sich die Art der heutigen Lehrlingsausbildung gegenüber früher verändert?
Heißenberger:
Früher war der klassische Lehrling 15 Jahre alt und hatte eine polytechnische Ausbildung. In dieser Form kommen immer weniger junge Menschen zu uns. Wir haben derzeit eine breite Streuung der Lehrlinge, die zwischen 15 und 22 Jahre alt sind und sehr unterschiedliche schulische Hintergründe haben. Damit wird auch der Aufwand, interessierte Jugendliche zu finden, für uns immer herausfordernder. Was sich gegenüber früher noch zusätzlich verändert hat, ist generell der individuelle Betreuungsbedarf. Die jungen Menschen wollen mehr sozial umsorgt werden. Sie brauchen vor allem Wertschätzung, Sicherheit und Stabilität. Wir legen besonderen Wert auf eine gesamtheitliche Betreuung und Begleitung unserer Lehrlinge, was oft weit über die rein fachliche Ausbildung hinaus geht. Ziel ist es, unsere Lehrlinge langfristig für das Unternehmen zu begeistern.
Truhlarovsky: Auch im Angestelltenbereich wünschen sich sehr viele neben der Stabilität vor allem, in nicht hierarchischen Strukturen bzw. verstärkt auf projektorientierter Basis in themenbezogenen Communities zu arbeiten. Das unterstützen wir seit einigen Jahren mit großem Erfolg.

Jedes Unternehmen buhlt um die sogenannten "High Potentials". Was bietet die RCG an?
Heißenberger:
Wir bieten neben der klassischen Lehrlingsausbildung u. a. Zusatzausbildungen (Sprache, Kommunikation/Kundenorientierung etc.) und ab dem zweiten Lehrjahr auch mehrwöchige Auslandsaufenthalte in einer unserer Niederlassungen in Europa an. Das kommt sehr gut an. Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeit, Unternehmen, wie u. a. den Hamburger Hafen, zu besichtigen. Bei uns können die ausgebildeten Lehrlinge ihre Karriere in der Rail Cargo Group starten, sich später aber auch in einer unserer ausländischen Niederlassungen und darüber hinaus auch innerhalb des ÖBB-Konzerns weiterentwickeln.
Truhlarovsky: Zusätzlich veranstalten wir natürlich immer wieder spezielle Events, um auf uns aufmerksam zu machen. In Deutschland organisieren wir seit zwei Jahren die "Train Driver Challenge". Zu dieser eintägigen Veranstaltung sind alle Bahninteressierten eingeladen, um den Bahnbetrieb kennenzulernen. Auf einem speziell gesicherten Gelände gibt es Wettfahrten von Lokomotiven oder auch Hemmschuhweitwerfen. Diese Veranstaltung sorgt immer für viel positive Resonanz. Für die akademische Laufbahn bieten wir u. a. Trainee-Programme. Zudem gibt es ein konzernweites ÖBB-Trainee-Programm.

"Es gilt, alle sich bietenden Gelegenheiten als Chancen zu sehen. Zusätzlich sollten die jungen Menschen alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen nützen, um sich über das Unternehmen und dessen Geschäftsfeld zu informieren", sagt Heißenberger.
(Foto: RCG)

Inwieweit wird der Suchprozess nach Triebfahrzeugführern von der Entwicklung von automatisiert fahrenden Lokomotiven beeinflusst? 
Truhlarovsky: 
Erste Schritte in Richtung Automatisierung sind zwar schon gesetzt. Ich gehe aber davon aus, dass fahrerlose Lokomotiven in absehbarer Zeit nicht auf dem öffentlichen Schienennetz fahren werden. Das Berufsbild des Triebfahrzeugführers ist zukunftssicher. Im Vergleich zu beispielsweise fahrerlosen U-Bahn-Systemen fahren in Europa die unterschiedlichsten Zugsysteme auf den Schienen. Zusätzlich können die externen Einflüsse während einer Bahnfahrt teilweise sehr komplex sein. Aber sicherlich macht diese Entwicklung das Auffinden von geeignetem Personal nicht unbedingt leichter. 

Welche Rolle spielen E-Learning und neue Medien? 
Heißenberger: 
Wir unterstützen den Lernprozess auf mehreren Ebenen. Hier spielen natürlich E-Learning und die neuen Medien eine wichtige Rolle, vor allem in der visuellen Aufbereitung. Wir versuchen aber auch das Wissen von jungen Menschen in diesem Bereich im Reverse Mentoring zu nutzen. Dabei klären wir vorab die Medienkompetenz der jungen Menschen ab, die sie dann im Anschluss, bei Bedarf, unserer älteren Generation im Betrieb näherbringen. Das hat sich sehr gut bewährt. Das gemeinsame Lernen halte ich für essenziell. 

Wie wird sich Ihre Ausbildung bis 2030 weiterentwickeln? 
Truhlarovsky: 
Es wird zukünftig immer weniger eine Trennung zwischen Arbeit und Lernen geben. Diese werden immer mehr ineinander verschmelzen. Im Arbeitsprozess wird es zukünftig noch stärker möglich sein, die persönliche und fachliche Weiterentwicklung voranzutreiben. Die klassischen blockweisen externen Schulungen werden dabei an Bedeutung verlieren. Die Ausbildung wird sich mit neuen Lernmethoden, Anforderungen der Zukunft und den Bedürfnissen der Jugendlichen einem stetigen Wandel unterziehen. Besonders wichtig ist uns die Wissensweitergabe im Zuge unseres Generationenmanagements, wobei das Voneinanderlernen in alle Richtungen gedacht ist. 
Heißenberger: Die Wahrnehmung wird sich in Zukunft mehr zu einem "Lernen ist Arbeiten" entwickeln - das ist derzeit aber noch nicht sehr ausgeprägt. Das lebenslange Lernen wird zum Standard. Der Lernprozess muss in die Arbeit integriert und bei Bedarf sofort abrufbar sein wie eine Art "learning on demand". Auch hier setzen wir als RCG einen Schwerpunkt in der Zukunft. 

Welche Tipps haben Sie an jungen Menschen, die vor der Berufs- bzw. Ausbildungswahl stehen? 
Heißenberger: 
Ein Aspekt ist, möglichst viel auszuprobieren und Erfahrungen bereits während der Schulzeit zu sammeln. Es gilt, alle sich bietenden Gelegenheiten als Chancen zu sehen. Zusätzlich sollten die jungen Menschen alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen nützen, um sich über das Unternehmen und dessen Geschäftsfeld zu informieren. Gerade im Bewerbungsprozess kann man, wenn man mehr über den Gesprächspartner weiß, so noch zusätzlich punkten. Wir tun sehr viel, um für potenzielle Lehrlinge ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. 
Truhlarovsky: Ergänzend denke ich, dass es wichtig ist, neugierig zu sein und zu bleiben und gerade in der Bewerbungsphase viele Fragen an den potenziellen neuen Arbeitgeber zu stellen, um sich ein besseres Bild zu verschaffen. Zusätzlich zeigt es auch dem Arbeitgeber, dass man Interesse an der ausgeschriebenen Position hat. Es gibt heute allein in der Aus- und Weiterbildung eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten für junge Menschen. Diese kann man am besten nutzen, wenn man sich darüber ausführlich und proaktiv informiert. Gerade die Selbstmotivation und das -engagement sind ganz wichtig. 

Vielen Dank für das Gespräch! 



Dieses Interview wurde ursprünglich in der Ausgabe VK 11/2019 veröffentlicht.


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